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Profil:Luigi Brugnaro

Dem Bürgermeister Venedigs steht das Wasser bis zum Hals.

(Foto: Massimo Bertolini/Imago)

Es war kurz vor Mitternacht. Das Hochwasser, von dem Venedig zu vier Fünfteln überschwemmt worden war, hatte seinen Höhepunkt gerade überschritten, als Luigi Brugnaro, der Bürgermeister der Stadt, auf der Piazza San Marco vor die Kameras trat: Man stehe vor einer Katastrophe, die Schäden seien kaum abzuschätzen. Für den kommenden Tag, den Mittwoch, werde er für Venedig den Notstand ausrufen. Ferner verwies er auf den hydraulischen Damm, der vor der Lagune gebaut werde. Man brauche ihn, wie sehr, sehe man jetzt. Außerdem wandte sich Brugnaro an den Staat: "Wir rufen die Regierung Italiens auf, uns zu helfen. Die Kosten werden hoch sein."

Später machte der Bürgermeister vor allem den Klimawandel für das jüngste Hochwasser in Venedig verantwortlich, das mit 187 Zentimetern über dem normalen Pegelstand die zweithöchste "acqua alta" war, die je gemessen wurde. Doch in diesem Augenblick stand er bereits in hohen Stiefeln, neben dem Patriarchen von Venedig, bei Tageslicht auf der anderen Seite der Piazza.

Brunaro, geboren 1961 in Mirano, einer Gemeinde auf dem Festland, und im Jahr 2015 als unabhängiger Kandidat einer Koalition aus Rechtspopulisten und Konservativen ins Amt gewählt, ist Geschäftsmann. In den frühen Neunzigern betrieb er die erste Zeitarbeitsagentur Italiens, er war Präsident des regionalen Arbeitgeberverbands, ihm gehört eine erfolgreiche Basketballmannschaft. Er ist bekannt für eher unbedachte Äußerungen: So empfahl er der Polizei, jeden Menschen sofort zu erschießen, der auf der Piazza San Marco den im Arabischen durchaus geläufigen Satz "Allahu akbar" äußere.

Und er investiert in der Stadt: Zum Beispiel geht die Restaurierung der Scuola Grande della Misericordia und deren Verwandlung in ein Lokal für Veranstaltungen der gehobenen Art auf den Bürgermeister zurück. Die Popularität, die er unter seinen Wählern genießt, hat viel mit solchen Erfolgen zu tun. Er gilt als Pragmatiker, als Mann, der etwas tut und dabei den ökonomischen Vorteil nie aus dem Blick verliert. Man wird aber hinzufügen müssen, dass sich diese Reputation weitgehend auf die Gebiete der Stadt beschränkt, die auf dem Festland liegen und von der Altstadt profitieren, ohne deren Probleme zu teilen. Unter den immer weniger werdenden Einwohnern des "centro storico" sieht es mit der Popularität etwas anders aus. Für die Abstimmung, bei der die Einwohner Venedigs sich Anfang Dezember entscheiden sollen, ob die Stadt in der Lagune in Zukunft wieder selbständig sein soll, empfahl er den Wählern, sich der Stimme zu enthalten.

Klimaschützer war Brugnaro bisher nicht, ein Schlitzohr indessen schon. Zwar hat er sich in jüngster Zeit gegen die Kreuzfahrtschiffe ausgesprochen, die auf ihrer Fahrt zur Anlegestelle immer noch die Altstadt durchqueren. Zugleich aber hat er für eine Vertiefung und Verbreiterung der Fahrrinnen in der südwestlichen Lagune plädiert. Eben diese Ausweitungen der Fahrrinnen haben indessen großen Anteil daran, dass immer mehr Wasser immer schneller in die Lagune fließen kann, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Häufigkeit und das Ausmaß der Hochwasser.

Die Rede vom "Klimawandel" verschleiert diesen Zusammenhang. Gleiches gilt für den hydraulischen Damm. Während nach wie vor unsicher ist, ob er überhaupt je funktionieren wird, werden nun bereits Forderungen nach mehr Geld für den Bau laut: Wer die etwa hundert Millionen Euro bezahlen soll, die künftig pro Jahr für den Betrieb des Damms aufgewendet werden müssen, ist zwischen Kommune, Region und Staat nach wie vor ungeklärt. Luigi Brugnaro verweist nun auf die Nation. Unterdessen rät die Stadt Venedig auf ihrer Website "neugierigen" Touristen, sich ein Paar Gummistiefel zu kaufen, um die Stadt im Ausnahmezustand zu besichtigen. Diese Maßnahme dürfte ganz im Sinn des Bürgermeisters sein.