Profil Lise Klaveness

(Foto: imago)

Sie soll den norwegischen Fußball erneuern und zwar den der Frauen und der Männer.

Von Kathrin Steinbichler

Fußball, meinte Lise Klaveness einmal, sei im Grunde simpel: "Du suchst dir einen Ball und Leute, die mit dir spielen, und legst los. Wenn du dann merkst, dass die anderen besser sind, überlegst du, was du besser machen kannst. Als Spielerin und als Mannschaft." Ab September wird die Norwegerin nun genau das hauptamtlich tun: Sie wird sich überlegen, was Norwegens Fußball besser machen kann und wie sich das erreichen lässt. Als erste Frau überhaupt wird Lise Klaveness den Profi- und Nationalmannschaftsbereich - Männer wie Frauen - eines nationalen Fußballverbands verantworten. Ihr Ziel? Nichts weniger als die Erneuerung des norwegischen Fußballs.

In den sozialen Medien hat das Aufruhr verursacht - allerdings weniger in Norwegen als sonst auf der Welt. "Über den Punkt, über Männer und Frauen zu diskutieren, sind wir hinweg", sagte Pål Bjerketvedt, Generalsekretär des norwegischen Fußballverbands, in einem Radiointerview. "Wir haben jemanden gesucht, der unseren Verband analytisch, strategisch und mit Lust an der Verantwortung voranbringt. Mit Lise haben wir die Beste dafür gefunden." Punkt.

Dass eine Erneuerung der Strukturen und der Ziele im norwegischen Fußball notwendig ist, daran hat der Verband selbst keine Zweifel: Seit 1998 waren Norwegens Fußballer nicht mehr bei einer WM vertreten, ihre erste EM-Teilnahme im Jahr 2000 war bislang auch die einzige. Die Fußballerinnen des skandinavischen Königreichs gehörten lange zur internationalen Elite ihres Sports, gewannen zwei EM-Titel und holten 1995 sogar den WM-Sieg. Das war noch vor Lise Klaveness' aktiver Zeit.

Die 37-Jährige, auf dem Rasen eine zweikampfstarke Mittelfeldspielerin, lief 73 Mal für ihr Land auf, spielte WM- und EM-Turniere - und machte sich nach ihrer aktiven Karriere und einer Ausbildung als Athletiktrainerin bald einen Namen als Anwältin und Richterin. Dass sie mit einer Frau verheiratet und Mutter eines Sohnes ist, war im Team wie auch im Verband kein großes Thema, sondern mit ein Grund, künftig mehr für Nationalspielerinnen mit Familie zu tun: Seit der EM 2013 stellt Norwegens Verband der Frauen-Nationalelf eine Pädagogin zur Seite, die sich um die Kinder der Spielerinnen kümmert. Mutter und Partnerin oder Partner wird es so erleichtert, sich trotz familiärer Verpflichtungen aufs Turnier zu konzentrieren.

Bevor Klaveness nun in ihren neuen Job an der Spitze der Profiabteilung im Fußballverband wechselt, war sie viele Jahre als Juristin bei der norwegischen Zentralbank. Dort ist genaues, vorurteilsfreies Arbeiten verlangt. Eine Herangehensweise, die ihr auch jetzt zugutekommt. Der Verband jedenfalls wollte ausdrücklich keine Sportmanagerin, sondern jemanden wie sie: Man habe explizit nach jemandem "mit wissenschaftlichem Hintergrund und Anwaltserfahrung gesucht", erklärte Generalsekretär Bjerketvedt. Es gehe nicht um die Frage Frau oder Mann. "Es geht nicht um mich, es geht um den Fußball", sagte Klaveness dem Spiegel. "Das ist mein Sport, den ich mir ausgesucht habe. Und der gehört nicht allein den Männern. Er gehört allen, die ihn lieben."

Zuletzt haderten Spielerinnen und Verband mit überkommenen Strukturen und amateurhaften Bedingungen in der nationalen Liga. Vergangenen Oktober aber folgte ein historischer Schritt. Der Verband selbst lud zur Diskussion über die Entlohnung. Als das Männer-Nationalteam davon hörte, fasste es einen Entschluss: Die Männer verzichten künftig auf einen Teil der Werbeeinnahmen des Verbandes, dafür erhalten die Frauen die gleiche Entlohnung wie die Männer.

Für beide gehe es darum, international wieder Anschluss an die Spitze zu bekommen, sagt Klaveness. Sie ist optimistisch: "Ich habe mir vorgenommen, nicht die Schwierigkeiten vor den Möglichkeiten zu sehen."