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Kolja Lukaschenko:Der Sohn des Diktators

70th anniversary of the end of World War II

Vater und Sohn Lukaschenko im Mai bei einer Militärparade in Minsk.

(Foto: picture alliance / dpa)

Elf Jahre und schon bei der UN-Generalversammlung: Weißrusslands Machthaber Alexander Lukaschenko nimmt auf Dienstreisen gerne seinen Jüngsten mit. Wird da ein Knirps zum Präsidenten erzogen?

Von Frank Nienhuysen

Der Junge wächst in seine Rolle hinein - wann sonst kann man diese Redewendung schon so wörtlich nehmen? Vor drei Jahren reichte der Scheitel des kleinen Kolja Lukaschenko gerade mal bis zum oberen Knopf der Uniform des Herrn Papa. Seitdem hat er einen sichtbaren Schub gemacht. Jetzt ist der Kopf schon auf Schulterhöhe zweier groß gewachsener Männer, Präsidenten noch dazu. Zur Linken steht Barack Obama, zur Rechten Koljas Vater Alexander Lukaschenko, Staatschef und Dauerherrscher von Weißrussland. Michelle Obama komplettiert das Foto eines Empfangs im UN-Gebäude von New York, und auffällig dabei ist, dass die Obamas strahlend lächeln und die Lukaschenkos ziemlich finster schauen. Dass der Anzug und die Krawatte mit der Miene des elfjährigen Kindes zu tun haben, ist unwahrscheinlich. Kolja, offiziell Nikolaj, ist das so gewohnt.

Als Mitglied der weißrussischen Delegation saß Lukaschenko junior dieser Tage in der UN-Generalversammlung direkt neben dem Außenminister, während sein Vater der Welt über religiöse Unterdrückung und ethnische Konflikte die Leviten las. Wird da ein Knirps frühzeitig zum Präsidenten erzogen? Die Frage ist fast so alt wie das Kind selbst. Seitdem Kolja Lukaschenko 2007 als Dreijähriger erstmals mit in die Öffentlichkeit genommen wurde, kann die weißrussische Nation dem Jungen beim Großwerden zuschauen.

Anfangs zappelte Kolja noch auf dem Schoß seines Vater herum, als der gerade mit dem Präsidenten von Armenien sprach. Kinder eben. Überliefert, aber nicht gesichert ist, dass er mal im überschwänglichen Zorn einer Stewardess in den Finger gebissen hat und ihr angeblich sagte, "wenn ich Minister bin, werde ich dich erschießen". Zweifelsfrei aber nimmt Alexander Lukaschenko den jüngsten seiner drei Söhne oft mit hinaus in die weite politische Welt: zu Papst Benedikt XVI. in den Vatikan, nach Kiew, oder zum Staatsempfang beim damaligen Staatschef von Venezuela, Hugo Chávez, der fürsorglich Koljas Jackett zuknöpfte und ihm sogar eine Rede anbot. Eine Militärparade schritt er auch schon ab. All dies haben die Weißrussen zur Kenntnis genommen, empört aber reagierten einige dann doch, als der Präsident nebst Blumenstrauß seinen Sohn, damals neun, mit zur Minsker Metro-Station nahm, wo bei einem Anschlag 15 Menschen starben.

Alexander Lukaschenko hat immer wieder betont, dass er auf Auslandsbesuchen Kolja keineswegs aus logistischer Not heraus mitschleppe, sondern der Reiseeifer von diesem selbst komme. Über Koljas Mutter ist nur so viel kolportiert, dass sie Medizinerin ist; von seiner Frau Galina, Mutter der beiden erwachsenen Kinder, lebt Alexander Lukaschenko schon seit langer Zeit getrennt.

Ob die Liebe zum Sohn so weit geht, dass er ihm eines Tages das ganze Land politisch vererben könnte, bleibt ein Rätsel. "Er braucht noch 30 Jahre, bis er versuchen kann, Präsident zu werden. Dann werde ich schon nicht mehr auf dieser Welt sein", sagte der 61 Jahre alte, diktatorisch herrschende Lukaschenko. Und offiziell muss ja auch gewählt werden. All das Nachfolge-Gerede entstamme ohnehin den Boulevard-Medien, sagte Lukaschenko, aber er sagte eben auch schon andere Sachen. Dem Präsidenten Venezuelas etwa, "das ist mein Sohn Kolja, und das bedeutet, dass es jemanden gibt, dem ich in 20, 25 Jahren den Stab übergeben kann".

Siehe die Assads, Alijews und Kadyrows: Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Söhne in die Ämter ihrer Väter wechseln. "Präsident wird man nicht, dazu wird man geboren", sagte Lukaschenko einmal bei einer Pressekonferenz, und seitdem reimt man sich einiges zusammen. In jedem Fall hat Kolja Lukaschenko noch viel Zeit, um sich zu entwickeln. Nächste Woche ist in Weißrussland erst mal Präsidentenwahl. Sein Vater, natürlich, tritt wieder an. Und dürfte erneut haushoch siegen. Für die Lukaschenkos besteht also kein Grund zur Eile.

© SZ vom 02.10.2015

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