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Profil:Kazuyoshi Miura

(Foto: Takuya Matsumoto/Picture Alliance/AP)

Der älteste Profi-Fußballer der Welt denkt nicht ans Aufhören.

Von Thomas Hahn

Der Trainer des FC Yokohama wollte am Freitag nicht verraten, ob der König wieder einen Platz in der Startelf bekommt. Aber Coach Takahiro Shimotaira hat es auch nicht ausgeschlossen, dass Kazuyoshi Miura, genannt King Kazu, am Samstag in Urawa seinen Altersweltrekord für Profifußballer ausbauen darf. Miuras Einsatz am Mittwoch gegen Kawasaki Frontale war ein Erfolg. Die 2:3-Niederlage gegen den Tabellenführer der höchsten japanischen Spielklasse J-League war ehrenwert. Und die Mannschaft bekam eine Aufmerksamkeit wie selten zuvor wegen ihres ergrauten Stürmers Miura. Warum also nicht weiter Mut zum Senior zeigen?

Kazuyoshi Miura ist 53 Jahre alt. Fußball-Prominente in seinem Alter haben ihre Aktivenkarriere normalerweise seit mindestens 15 Jahren hinter sich und treten allenfalls bei Nostalgiespielen an. Bei Miura ist das anders. Sicher, ein paar Falten haben sich in sein kantiges Gesicht gegraben, sein Antritt ist nicht mehr so explosiv wie früher. Aber er ist athletisch geblieben, hat sein Ballgefühl bewahrt und strahlt viel Souveränität aus. Er ist ein Senpai im Team, ein Dienstälterer, der wegen seiner Erfahrung die Achtung der Kollegen genießt. Der FC Yokohama schätzt das und ersetzt ihn nicht durch einen drahtigeren Jungspund, wie das wohl jeder andere Klub in Europa tun würde.

Japan hat viele Fußballer hervorgebracht, die bei internationalen Experten höher im Kurs stehen als Kazuyoshi Miura. Nie war er bei einer Weltmeisterschaft. Nur eine Saison lang spielte er in einer großen europäischen Liga, 1994/95, beim CFC Genua in Italien. Aber wenn man in Japan nach dem Lieblingsfußballer fragt, fällt meistens der Name Miura.

Das hat weniger damit zu tun, dass Miura zwischen 1990 und 2000 in 89 Länderspielen für Japan 55 Tore erzielte und 1993 Asiens Fußballer des Jahres war. Seine Beliebtheit hat er sich vor allem durch seine Leistungen als Pionier und Dauerbrenner erarbeitet. Wohl kein anderer hat sich derart kompromisslos dem Ziel hingegeben, Fußballer zu werden und zu bleiben. Er war 15, als er die Shizuoka Gakuen Highschool verließ, um in die Fußballnation Brasilien auszuwandern. Er heuerte dort beim Jugendklub Clube Atlético Juventus in São Paulo an. Lernte Portugiesisch. Bekam 1986 beim FC Santos seinen ersten Profivertrag. Und war berühmt, als er 1990 nach Japan zurückkehrte.

Mit Verdy Kawasaki gewann er die ersten beiden Meisterschaften der 1993 gegründeten J-League. Er war der erste Japaner in Italiens Profifußball. Und später, nach vielen Jahren, in denen er kurz auch für Croatia Zagreb und den FC Sydney gespielt hatte, begann sein zweites Fußballerleben als betagte Eminenz beim FC Yokohama. Seine Einsätze wurden seltener und einprägsamer. Am 5. März 2017 stand er bei Yokohamas 1:1 im Zweitliga-Spiel gegen Nagasaki in der Startelf. Er war 50 Jahre und sieben Tage alt - zwei Tage älter als der Brite Sir Stanley Matthews bei dessen bis dahin gültigem Altersweltrekord von 1965. Eine Woche später erzielte Miura den Siegtreffer beim 1:0 über Thespakusatsu Gunma und wurde der älteste Torschütze im Profifußball.

Den erfolgreichen Abstauber feierte er damals mit einer leichtfüßigen Tanzeinlage, die andere Ü-50-Menschen vor Hüftprobleme gestellt hätte. Überhaupt ist Kazuyoshi Miura ein Mann mit Ausstrahlung, für den Fußball kein Beruf ist, an dem man die Lust verliert. "Meine Leidenschaft hat sich nicht verändert", hat er der Nachrichtenagentur Reuters gesagt. Karriereende? Kein Thema. Schon gar nicht jetzt, da er gegen Kawasaki gerade seine Erstligatauglichkeit als nicht übertrieben agile Sturmspitze bewiesen hat. Als Miura nach 56 Minuten vom Platz trottete, applaudierten die Zuschauer ehrfürchtig.

Alternativen zum Spiel gibt es für ihn ohnehin nicht. Was er täte, wenn er nicht Fußballer wäre, wurde er mal gefragt. "Ich glaube nicht, dass ich dann existieren könnte", sagte Kazuyoshi Miura, "ich wäre also nichts."

© SZ vom 26.09.2020

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