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Profil:Jürgen Klopp

Trainer, der die Stadt Liverpool wieder lächeln lässt.

(Foto: Phil Noble/AFP)

Es lag seit Monaten auf der Hand, dass der FC Liverpool den englischen Meistertitel gewinnen würde. Und insofern war es sehr erstaunlich, wie sehr Jürgen Klopp, 53, von seinen Gefühlen übermannt wurde, wie er sich die Tränen von der Wange wischen musste, wie sich eine Anspannung löste, die sich über eine ganze Generation hinweg angestaut hatte, als es endlich so weit war. 30 Jahre hat der FC Liverpool warten müssen, Donnerstagnacht herrschte Gewissheit: Der amtierende Champions-League-Sieger und Klubweltmeister darf, endlich und zum 19. Mal in der Vereinsgeschichte, die englische Meistertrophäe in seine Vitrinen stellen. Und Klopps Name wird Teil einer Galerie legendärer Meistertrainer des FC Liverpool sein, mit Bill Shankly, Bob Paisley, Joe Fagan und Kenny Dalglish in einer äußerst exklusiven Reihe stehen.

Als Dalglish den FC Liverpool 1990 letztmals zum Titel führte, war Klopp aus Glatten im Nordschwarzwald Stürmer bei Rot-Weiss Frankfurt. Sein Talent reichte, um bei Mainz 05 Zweitligaspieler zu werden. Doch seine herausragendsten Talente, als Kommunikator, Motivator und Studiosus eines hochgradig komplexen Sports, entfaltete er als Trainer, von 2001 an. Erst bei Mainz, dann bei Borussia Dortmund, wo er zwei Mal Meister und einmal Pokalsieger wurde.

Als er 2015 beim FC Liverpool landete, konnte man allenfalls erahnen, wie sehr er mit seiner Attitüde den Nerv eines durch und durch von Fußballgeschichte und sozialem Bewusstsein durchdrungenen Vereins treffen würde; er bewahrt auch heute noch, in der Ära turbokapitalistischer Investoren, etwas von seinem proletarischen Urschleim. "Die wichtigsten Leute bei Liverpool sind die, die hier sein wollen", perlte es Dalglish einst aus dem Mund, und so ähnlich würde es wohl auch Klopp über die Lippen kommen. "Klopp und Liverpool sind füreinander geschaffen", titelte die Daily Mail am Freitag, und in der Tat: Es wäre falsch zu behaupten, er habe Liverpool im Sturm erobert. Er hat bloß nach Liverpool gefunden, und dort Manchester City des genialisch veranlagten Josep Guardiola entthront. Nicht einfach so. Sondern indem er einen konzeptionellen Gegenentwurf zu Guardiolas ballbesitzorientiertem Stil an den Rand der Perfektion brachte. Klopp lässt Pressing spielen - aber presto, wie es in der Musik heißen würde, und in stetiger Progression bis zum Meistergipfel.

Am Ende seiner ersten Saison hatte er im Europa-League-Finale gestanden; 2018 führte er Liverpool ins Champions-League-Endspiel; im vorigen Jahr gewann er gegen Tottenham die Königsklasse und landete in England hinter Guardiola und City dramatisch auf Rang zwei.

Mit 97 Punkten, nach nur einer Niederlage im ganzen Jahr. Das war Ausfluss dessen, dass Klopp den Kader fein aufbesserte, mithilfe eines datenbasierten Scoutingsystems, das auch ihn als idealen Trainer identifizierte - kurioserweise zu einem Zeitpunkt, als er gerade mit Dortmund im Abstiegskampf verheddert war. Ja, Liverpool investierte viel Geld, aber mit Sinn und Verstand, für Spieler wie Verteidiger van Dijk oder Torwart Allison, für die Stürmer Firmino, Salah oder Mané, die erst unter und dank Klopp zu Aristokraten des Weltfußballs wurden. Auch den alten Kapitän Henderson machte er zu einem guten Spieler, der junge Alexander-Arnold wurde zu einem der weltbesten Linksverteidiger. Und so locker saß das Geld bei Liverpool gar nicht: Weil der Verein auch gut verkaufte, weisen über fünf Jahre gerechnet gleich sechs englische Klubs eine höhere Transferbilanz auf als Liverpool.

Steven Gerrard, eine Liverpool-Legende als Spieler, will das alles durch eine Skulptur gedankt wissen. Klopp verdiene wie Bill Shankly und Bob Paisley eine Bronzestatue an der Anfield Road. Klopp dankte und lehnte ab. "Ich möchte schon noch 30 Jahre leben", erklärte er am Tag nach dem Eintritt in die sogenannte Unsterblichkeit

© SZ vom 27.06.2020

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