Süddeutsche Zeitung

Profil:Iván Velásquez

Der Kämpfer gegen die Straflosigkeit in Guatemala ist gefeuert.

Ganz zum Schluss zog Iván Velásquez Gómez ein bitteres Resümee. Nach zwölf Jahren hat am Dienstag die von ihm geleitete Internationale Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala, kurz Cicig, ihre Arbeit beendet - höchst unfreiwillig und höchst umstritten. Und so sagte Velásquez: "Wir sind Opfer unserer eigenen Erfolge geworden."

64 Jahre alt ist Velásquez, ein Mann von eleganter Zurückhaltung. Der Kolumbianer ist Erfolge gewohnt, allerdings auch Rückschläge und Hindernisse, die ihm von Politik und Mächtigen während seiner gesamten Karriere immer wieder bereitet wurden. Velásquez stammt aus Medellín, und in der nordkolumbianischen Stadt hat er auch Jura studiert. Nach dem Abschluss begann er, als Staatsanwalt zu arbeiten und nahm dabei die Verbindungen der heimischen Politik zu Drogenhändlern und paramilitärischen Gruppen ins Visier. Er ist kein Mann, der sich ins Rampenlicht drängt, er recherchiert akribisch und präsentiert seine Beweise erst, wenn sie wirklich stichhaltig sind. Dutzende Politiker brachte er so in den folgenden Jahren zu Fall, das hat ihm viel Anerkennung gebracht, aber auch viele Feinde.

2013 wurde Velásquez dann zum Leiter der Cicig in Guatemala ernannt. Diktaturen und ein grausamer Bürgerkrieg hatten die Rechtsprechung des zentralamerikanischen Landes ruiniert. 2006 bat die Regierung deshalb die Vereinten Nationen um Hilfe. So wurde die Cicig geschaffen, ein Ableger der einheimischen Staatsanwaltschaft, der aber dennoch vornehmlich mit Ausländern besetzt ist. Alte Eliten, die das Land seit Jahrhunderten fest im Griff haben, hatten keine Verbindungen in die Kommission. 2007 nahm die Cicig ihre Arbeit auf, sie ermittelte wegen Menschenrechtsverbrechen und Drogenhandel, vor allem aber immer wieder auch wegen Korruption. Unter Velásquez drangen die Nachforschungen bis in höchste Kreise vor, Unternehmer, Politiker, Militär: Mehr als 300 Urteile wurden gesprochen, und sogar ein Präsident musste zurücktreten.

Die Straflosigkeit in Guatemala ging laut Untersuchungen in den folgenden Jahren um fast ein Drittel zurück, das Land wurde zum leuchtenden Vorbild für die gesamte Region. Ähnliche Kommissionen nahmen auch in Honduras oder El Salvador die Arbeit auf. Und Velásquez erhielt, zusammen mit der ehemaligen Generalstaatsanwältin Thelma Aldana, für seine Arbeit den alternativen Nobelpreis.

Doch nun ist mit alldem Schluss. Die Eliten schlagen zurück. Schon vergangenes Jahr verweigerte der guatemaltekische Präsident Jimmy Morales einigen Mitarbeitern der Cicig und ihrem Chef die Einreise. Zuvor hatte die Kommission begonnen, zuerst gegen den Bruder und den Sohn des Staatschefs wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu ermitteln. Bald darauf beantragte sie, Morales' Immunität aufzuheben und ihn wegen illegaler Wahlkampffinanzierung vor Gericht zu stellen. Der Präsident behinderte daraufhin die Arbeit der Cicig, es kam zu öffentlichen Protesten, sogar das Verfassungsgericht schritt ein. Doch am Ende verlängerte Morales einfach das Mandat der Kommission nicht mehr. Die USA, die zuvor immer die Arbeit der Ermittler unterstützt hatten, hielten sich unter Donald Trump zurück mit Kritik an den Attacken gegen die Cicig. Präsident Trump hat offenbar andere Prioritäten in Zentralamerika, dabei ist die Straflosigkeit ein Auslöser für die Massenauswanderung der Menschen aus Guatemala.

Am Dienstag haben nun die letzten UN-Ermittler Guatemala verlassen. In seinem Abschlussbericht schreibt Velásquez von einem guatemaltekischen Staat, der zur Geisel privilegierter Gruppen geworden sei, die ihn und seine Ressourcen schamlos ausplünderten. Anders gesagt: Die alten Eliten haben gewonnen. Und Velásquez, vor allem aber die Menschen in Guatemala und der ganzen Region, haben verloren.

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SZ vom 05.09.2019
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