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Profil:Gui Minhai

(Foto: AFP)

Der kritische Verleger bleibt ein Gefangener Chinas.

In der Weihnachtspause herrscht an Chinas Gerichten häufig Hochbetrieb. In der Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit im Ausland gering ist, verurteilen die Behörden unliebsame Widersacher oft während der Feiertage. In der Coronavirus-Krise, die nun auch in Europa voll angekommen ist, scheint man auf einen ähnlichen Effekt zu hoffen. So gab ein Gericht in Ningbo am Montag überraschend bekannt, den inhaftierten Hongkonger Verleger und Autor Gui Minhai wegen der Weitergabe von Staatsgeheimnissen ans Ausland zu zehn Jahren Haft verurteilt zu haben.

Der 55-Jährige hatte nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens 1989 in Schweden Exil gefunden, wo er studierte. Später verlegte Gui, der die schwedische Staatsbürgerschaft seit 1996 besitzt, in Hongkong chinakritische Bücher. Vor fünf Jahren dann wurde er bei einem Urlaub in Thailand verschleppt. Vier weitere Buchhändler verschwanden. Zusammen hatten sie in der Innenstadt Hongkongs eine Buchhandlung und einen Verlag betrieben. Als Gui wieder auftauchte, befand er sich in Festlandchina; er legte im Staatsfernsehen ein Geständnis ab. Gui sagt in dem anscheinend fingierten Interview, er habe vor mehr als zehn Jahren in China Fahrerflucht mit Todesfolge begangen und wolle nun seine Strafe antreten. Er bat, die Medien sollten sich doch bitte raushalten. Formulierungen, die fast wortgleich auch ein weiterer Entführter an seine Frau schrieb.

Vier der fünf Männer sind wieder auf freiem Fuß. Nur Gui durfte auch nach Absitzen der Haftstrafe im Oktober 2017 nicht ausreisen. Drei Monate später war der schwedische Staatsbürger in Begleitung von zwei schwedischen Diplomaten auf dem Weg zu einer medizinischen Untersuchung in Peking. Da holten ihn Sicherheitsbeamte aus dem Schnellzug.

Guis Schicksal ist in den vergangenen Jahren Symbol für vieles geworden. In Hongkong hat das Verschwinden der fünf Buchhändler das politische Klima grundlegend verändert. Den Menschen sind Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit zugesichert. Viele hielten ihre Stadt für sicher, auch für kritische Stimmen gegenüber dem Festland. Anders als auf der anderen Seite der Grenze eben, wo Verfolgung und Unterdrückung Alltag sind. Die Entführung von Gui und seinen Kollegen verstanden Hongkonger als das, was sie war: eine Warnung Chinas, dass sich auch in der Sonderverwaltungszone niemand mehr sicher fühlen könne. Dass Peking jeden kriege, jeden hole, der es wagt, gegen die Partei seine Stimme zu erheben. Guis Entführung war ein Einschnitt. Deshalb tragen viele Hongkonger auch sein Bild - Brille, strubbelige Haare, zurückhaltendes Lächeln - bei den andauernden Protesten durch die Straßen.

In Schweden ist der Fall Gui zu einem Streitpunkt geworden zwischen denjenigen, die auf eine stille Diplomatie setzen, vielleicht auch aufs Schweigen, um weiter gute Geschäfte machen zu können mit China; und anderen, die das Wegsehen für den Anfang vom Ende der Freiheit halten. Vergangenes Jahr sorgte die frühere schwedische Botschafterin in China für ein politisches Beben. Sie hatte Guis Tochter einbestellt, um sie bei einem Treffen mit dubiosen Geschäftsleuten aus China dazu zu drängen, sich nicht mehr zum Verschwinden ihres Vaters zu äußern.

Für Chinas Regierung ist Gui vor allem ein Schwede, der keiner sein darf. Die zahlreichen Preise, die der Autor seit seiner Haft erhalten hat, darunter den Tucholsky-Preis, haben immer wieder zu Wutanfällen gegenüber Schweden, der EU und im Prinzip jedem geführt, der es nur wagte, seinen Namen zu sagen. In einer weiteren öffentlichen Äußerung gab Gui 2018 an, die schwedischen Diplomaten hätten ihn bedrängt, das Land zu verlassen. Er hoffe aber, in China leben zu können. Dafür soll er seine chinesische Staatsbürgerschaft wiederhergestellt haben. Und am Montag, sagte das Gericht, verzichtete Gui auf Berufung.

© SZ vom 26.02.2020

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