Profil Gesine Schwan

(Foto: OBS)

Überraschung: Die Sozialdemokratin zeigt Interesse am Parteivorsitz.

Von Ferdos Forudastan

Auf den ersten Blick mutet die Sache etwas seltsam an. Da erwägt Gesine Schwan für den SPD-Vorsitz zu kandidieren. Sie ist eine Frau mit einer bemerkenswerten Vita, in der allerdings Stationen fehlen, die für jemanden auf diesem Posten quasi Standard sind. Die Politikwissenschaftlerin und ehemalige Hochschullehrerin mag seit fast 50 Jahren Mitglied der SPD sein und seit einigen Jahren auch deren Grundwertekommission leiten. Sie war aber war noch nie Abgeordnete, geschweige denn in der Spitze einer Parlamentsfraktion; sie hatte noch kein Amt in einer Landes- oder Bundesregierung inne und keinen Posten im obersten Führungszirkel der Partei. Hinzu kommt, dass Gesine Schwan mit ihren 76 Jahren nicht für den Generationenwandel stehen kann, den ein Teil der Genossen sich so sehnlich wünscht.

Dass Schwan nun in einem Interview angedeutet hat, für eine Kandidatur um den Vorsitz zur Verfügung zu stehen, wenn sie gebeten werde und eine "erhebliche Unterstützung" erfahre; dass sie erkennen lässt, sich auch eine Doppelspitze mit Juso-Chef Kevin Kühnert vorstellen zu können, wirkt also ziemlich beherzt - einerseits. Andererseits lässt bislang kein halbwegs bekannter Sozialdemokrat außer dem nordrhein-westfälischen Fraktionsvorsitzenden Thomas Kutschaty Interesse am Vorsitz der Partei erkennen, die sich nach dem Rücktritt ihrer früheren Chefin Andrea Nahles in einer noch dramatischeren Lage befindet als davor. Das kann sich in den kommenden Wochen natürlich ändern, genauer, nachdem die Frist für Bewerbungen um den Parteivorsitz am Montag beginnt. Aber derzeit ist völlig unklar, wer die kommissarische Führung, bestehend aus Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel, irgendwann ablösen möchte - wenn es denn überhaupt jemand will, dessen Kandidatur in den Augen der SPD-Basis und der Öffentlichkeit als ernst zu nehmend und respektabel gälte.

Auch wenn Gesine Schwan, finden sich weitere namhafte Kandidaten, innerparteilich keine nennenswerten Chancen eingeräumt werden: Respektabel ist der Lebenslauf, den sie einreichen würde, schon. Sie war Professorin für Politikwissenschaft am renommierten Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, Präsidentin der Humboldt-Viadrina-School of Governance und von 2004 bis 2009 Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit der Bundesregierung.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Gesine Schwan bekannt, als sie 2004 auf Vorschlag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen erstmals für das Amt der Bundespräsidentin kandidierte. Sie unterlag - wenngleich mit einem guten Ergebnis - Horst Köhler, den CDU/CSU und FDP ins Rennen geschickt hatten. Köhler besiegte Schwan ebenso bei ihrem zweiten Anlauf, 2009. Auch im Lager von Union und Freidemokraten attestierte man Gesine Schwan allerdings, Eigenschaften mitzubringen, die für das Amt des Staatsoberhauptes außerordentlich nützlich sind: ein großes politisches Wissen, hohe Intellektualität und rhetorische Brillanz.

Teile Ihrer Partei haben phasenweise ziemlich mit Schwan gehadert, die als Vertreterin des rechten Parteiflügels unter anderem für den umstrittenen Nato-Doppelbeschluss focht. Außerdem lehnte sich die leidenschaftliche Antikommunistin in den Siebzigerjahren sehr offen gegen die ihrer Auffassung nach zu wenig kritische Haltung der Genossen zu Regimen des damaligen Ostblocks auf. Daraufhin wurde sie Mitte der Achtzigerjahre aus der Grundwertekommission abgewählt, 1996 aber wieder aufgenommen. Seit 2014 sitzt sie dem Gremium vor. Auch Parteilinke bescheinigen Gesine Schwan, dass sie in dieser Funktion sehr gute Arbeit leiste, ideenreich Themen wie die europäische Einigung und Wege zu einer solidarischen Gesellschaft vorantreibe.