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Kanzler a.D.:Sonderdiplomat und Altkanzler mit ausgeprägtem Hang zu sich selbst

Schröder mit Festvortrag

Altkanzler Gerhard Schröder bei einem Festvortrag in Oldenburg im Oktober 2017.

(Foto: dpa)

Keiner hat es wie Gerhard Schröder verstanden, auf vielen Bühnen präsent zu bleiben. Er ist der beste, umstrittenste, reichste, interessanteste Altkanzler, den die Republik noch hat - allerdings auch der einzige.

Von Kurt Kister

Manchmal kann man es kaum glauben, dass es schon so lange her ist. Seit Herbst 2005 ist Gerhard Schröder nicht mehr Bundeskanzler; damals verlor er die von ihm erzwungenen vorzeitigen Neuwahlen und wurde so zum Stiefvater der Ära Merkel.

Wie sehr ihn die Niederlage wurmte, wurde in seinem berühmten Fernsehauftritt nach der knapp verlorenen Wahl deutlich, in dem er, getrieben wohl nicht nur von körpereigenen Substanzen wie Testosteron, der Wahlsiegerin mitteilte, SIE werde nicht Kanzlerin.

Schröder kann nicht Stillsitzen

Heute, 12 Jahre später, ist sie immer noch Kanzlerin; Schröder dagegen ist der beste, umstrittenste, reichste, interessanteste Altkanzler, den die Republik noch hat. Allerdings ist Schröder nach Helmut Kohls Tod auch der einzige Altkanzler, den die Republik noch hat. Ruhig ist es nie um ihn geworden, Schröder ist bis heute, im Alter von 73 Jahren, ein Mensch, der nicht still sitzen oder sein kann. In ihm wirken mächtige Kräfte: Ehrgeiz, Lebenslust, eine laute Selbstsicherheit, die fast immer seine leisen Selbstzweifel übertönt, ein ausgeprägter Erwerbstrieb, Statusdenken, Freude an Gesellschaft, Leidenschaft für Politik im weitesten Sinne.

Im Laufe seiner Kanzlerschaft und mehr noch danach ist bei Schröder auch die Lust daran gewachsen, dagegen zu sein. Er ist kein Wutbürger geworden, aber er kultiviert jenes, man möge diesen Ausdruck entschuldigen, er könnte von ihm stammen, Leckt-mich-doch-am-Arsch-Gefühl, das gerade extrovertierte ältere Männer entwickeln. Wenn alle sagen, es gehöre sich nicht für einen Altkanzler im Aufsichtsrat einer dubiosen russischen Ölfirma zu sitzen, dann zieht Schröder Vergnügen daraus, sich genau dahin wählen zu lassen.

Wenn viele sich mit Abscheu von halb- bis drei-viertel-autoritären Staatslenkern abwenden, dann pflegt Schröder mit ihnen gute Kontakte. Er ist mit Putin ernsthaft befreundet, Erdoğan findet ihn gut, die Partei-Chinesen öffnen ihm alle Türen. Das hat Vorteile für Schröder, durchaus auch für seine "Freunde" und manchmal sogar für Deutschland, wie es jetzt der Fall Steudtner zeigt.

Schröder würde Trump nicht umschmeicheln

Schröders Präferenzen haben dabei weniger mit einem politischen Standort zu tun. Weder geht es ihm um verfemte Rechte noch um ausgegrenzte Linke, sondern, so wirkt es jedenfalls, um jene, bei denen viele anderer Meinung sind als er und mit denen man möglicherweise auch noch ein wenig Geld verdienen kann. Allerdings hat Gerhard Schröder auch da durchaus Prinzipien, die man nur nicht immer erkennen kann. Donald Trump zum Beispiel würde er wohl kaum umschmeicheln; sein Widerstand gegen den kriegslüsternen George W. Bush zu Kanzlerzeiten ist ihm bis heute hoch anzurechnen.

Der Altkanzler gehört zu den teuersten deutschen Rednern, die man buchen kann. Zwar tritt er, wenn es ihm gefällt, auch kostenlos auf. Weil er aber, wie er gerne sagt, "ja auch von irgendwas leben muss", können ihn die, die ihn gerne für eine Rede irgendwo auf der Welt haben wollen für, so hört man, 50 000 Euro aufwärts anfordern. Schröder-Freunde erklären seinen Hang zum Geld auch mit seiner Aufsteiger-Biografie, die ihn von ärmlichen Verhältnissen in der Jugend zum Luxus im Alter führte.

Kein anderer Altpolitiker hat es so wie Schröder verstanden, auf vielen Bühnen präsent zu bleiben. Zwar verdient auch sein Ex-Kompagnon, der grüne Griesgram Fischer, viel Geld für Ratschläge, Reden und manchmal auch nur für pure Anwesenheit. Schröder aber ist als einziger Mächtiger a. D. immer noch prominent und steht in der Öffentlichkeit - als Freund Putins, als Handlungsreisender, als Sonderdiplomat, als Objekt des privaten Klatsches.

Seine Partei weiß nicht recht, wie sie mit ihm umgehen soll: Mal feiert sie ihn auf dem Parteitag, mal schimpft sie über den Gazprom-Hartz IV-Schröder. Er selbst quittiert das gerne mit wölfischem Grinsen und einer Bemerkung wie: Zu meiner Zeit war die SPD jedenfalls noch erfolgreich.

© SZ vom 28.10.2017/lkr

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