Profil:Gadi Eizenkot

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Gadi Eizenkot, Israelischer Generalstabschef, der Volk und Regierung gegen sich hat.

(Foto: Thomas Coex/AFP)

Israelischer Generalstabschef, der Volk und Regierung gegen sich hat.

Von Peter Münch

Als Soldat kennt er jede Front in diesem Land, seit fast vier Jahrzehnten schon verteidigt Gadi Eizenkot in Uniform den israelischen Staat gegen all die Feinde ringsherum. Doch im schwersten Kampf seiner Karriere muss der israelische Generalstabschef sich nun gegen Beschuss aus den eigenen Reihen wappnen. Als Verräter wird er beschimpft von jüdischen Extremisten, sogar Morddrohungen werden ausgestoßen, und auf der Straße vor seinem Armee-Hauptquartier in Tel Aviv tobt der Mob. Viele fragen sich nun erschrocken, wie es so weit hat kommen können. Eizenkot allerdings, da darf man ziemlich sicher sein, wird daraus eher kühl und nüchtern folgern, dass es so nicht weitergehen darf.

Den 56-Jährigen zeichnet eine Gradlinigkeit aus, die manche Sturheit nennen mögen. Wenn er einen Kurs für richtig erachtet, hält er daran fest. Egal, wie stark der Wind ihm ins Gesicht bläst. So ist er auch verfahren im Fall des jungen Soldaten Elor Azaria, der in Hebron einen verletzt am Boden liegenden palästinensischen Angreifer per Kopfschuss getötet hatte. Vom ersten Tag an hat Eizenkot dies als schweren Verstoß gegen die Werte der Armee verurteilt. Er ist dabei geblieben, als Premier Benjamin Netanjahu und seine rechte Ministerriege den Schützen zum Opfer machen wollten. Er hat sich nicht beirren lassen von Umfragen, in denen zwei Drittel der Israelis die Schüsse zur angemessenen Antwort auf den Terror erklärten. Nachdem der Soldat vorige Woche von einem Militärgericht wegen Totschlags verurteilt worden ist, hat Eizenkot das Recht auf seiner Seite - und die Rechten umso mehr im Nacken.

Angefeindet wird er, weil er die Werte hochhält, die sein Leben prägen, seit er mit 18 Jahren ins Militär eintrat. Zäh und zielstrebig ist der Sohn marokkonischer Einwanderer die Ränge nach oben geklettert in einer Truppe, die sich selbst stets als "moralistische Armee der Welt" bezeichnet. Natürlich wird auch hier hart gekämpft. So ist der Name des Generalstabschefs verknüpft mit einer Militärdoktrin, die zur Abschreckung des Feindes auch zerstörerische Angriffe auf dessen zivile Infrastruktur vorsieht. Der Kopfschuss von Hebron aber passt nicht in Eizenkots Welt.

Doch die Welt ringsum hat sich so verändert, dass der Azaria-Prozess nun eine tiefe Kluft aufreißen konnte zwischen der Mehrheit des Volkes und der Führung der Armee des Volkes. Eizenkot, von dem zu Beginn seiner Amtszeit vor zwei Jahren nicht viel mehr erwartet worden war als pflichtbewusste Kontinuität, ist so zur Galionsfigur in einem Kulturkampf geworden, der Israels Gesellschaft zu zerreißen droht. Die Regierung lässt ihn dabei aus purem Populismus auf einsamem Posten kämpfen. Verlassen kann sich Eizenkot allein auf die alten Mitstreiter. In einer gemeinsamen Erklärung stärken ihm fünf frühere Generalstabschef den Rücken. "Um Gadi Eizenkot mache ich mir keine Sorgen", sagt sein Vorgänger Benny Gantz. "Angst habe ich um unser Land."

© SZ vom 09.01.2017
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