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Profil:Fadumo Korn

(Foto: Walter Korn)

Frauenaktivistin mit großer Klappe und noch mehr Mut.

Als Mädchen, sagt Fadumo Korn über ihre Kindheit in einer Nomadenfamilie in Somalia, habe sie immer nur gehorchen sollen. "Ich war ein neugieriger Mensch, aber erst als ich nach Mogadischu kam, zu meinem Onkel, habe ich gelernt, dass mein Kopf mir gehört und keine Dekoration ist." Wenn die 56-Jährige, die seit vier Jahrzehnten in München lebt und längst Deutsche ist, über das spricht, was sie heute tut, kann sie gar nicht anders, als über ihre eigene Geschichte zu sprechen; ihre Herkunft und Kindheit und das grausame Geschehen, das sie damals nach Mogadischu und später nach Deutschland führte.

Sieben Jahre war Fadumo Korn alt, als ihr widerfuhr, wovor sie heute Mädchen bewahren will: Sie wurde genital beschnitten, "pharaonisch", die weitreichendste Form. Dabei werden die inneren Schamlippen und die Klitoris entfernt, die äußeren Schamlippen werden mit Dornen verschlossen. Heute hilft und unterstützt Fadumo Korn Frauen und Mädchen in Deutschland und in afrikanischen Ländern, die das Gleiche durchlitten haben. An diesem Donnerstag führt sie ihr Engagement nach Berlin. Fadumo Korn trifft Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD), um ihr eine Petition zu übergeben, die mehr als 125 000 Menschen unterzeichnet haben. Fadumo Korn fordert ein Aktionspaket gegen die Beschneidung von Mädchen. Sie will, dass das Thema eine Rolle spielt in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten, Juristen, Polizisten, Hebammen, Sozialarbeitern und Erzieherinnen, dass Weiterbildung verpflichtend wird - damit anderen Frauen, anders als ihr selbst, traumatische Arztbesuche bei überforderten Medizinern erspart bleiben. Und sie will, dass Frauen aus Ländern, in denen die Genitalverstümmelung praktiziert wird, bei der Einreise über Hilfsangebote wie auch über die Strafbarkeit hierzulande informiert werden. Schätzungen zufolge leben in Deutschland mehr als 70 000 genital beschnittene Frauen; bis zu 20 000 Mädchen könnten davon bedroht sein.

Ihre eigene Beschneidung hat Fadumo Korn nur knapp überlebt. Ihr Unterleib entzündete sich, sie fiel ins Koma. "Ich bin zu meiner Beerdigung aufgewacht", sagt sie, "sie hatten schon einen Platz ausgesucht für mein Grab." Sie litt weiter Höllenqualen, blieb krank und wurde schließlich in die Stadt gebracht, zu Onkel und Tante, die gebildete Leute waren. Diese schickten sie in die Schule und mit knapp 16 nach Deutschland, zu entfernten Verwandten. Als Spätfolge der Beschneidung hatte sie schweres Rheuma entwickelt, ihre Hände hatten sich verformt, und in Deutschland, so die Hoffnung, würde ihr eher geholfen werden können.

Gut aber erging es ihr erst, als sie in eine andere deutsch-somalische Familie kam. Mit 17 lernte sie ihren späteren Mann kennen, mit dem sie bis heute verheiratet ist und einen Sohn hat. Ihr Kampf gegen die Beschneidung begann 2003, als sie ein Buch über ihre Kindheit schrieb. 2011 bekam sie die Bundesverdienstmedaille, 2012 gründete sie den Verein Nala, der sich gegen Genitalverstümmelung einsetzt. Sie arbeitet bei einer Organisation, die für eine bessere Gesundheitsversorgung von Migrantinnen eintritt, ist Autorin, Übersetzerin, leitet eine Gruppe, in der sich auch beschnittene Mädchen austauschen können, und begleitet Frauen, die sich für eine Wiederherstellung ihrer Vulva entschieden haben, bis in den OP.

Der Kampf gegen die Genitalverstümmelung ist Fadumo Korns Lebensthema geworden. Sie will aber nicht, dass betroffene Frauen darauf reduziert werden. "Man hat uns ein Organ genommen, aber nicht das Gehirn oder die Zunge rausgeschnitten." Es sei die Wut gewesen, die sie immer weiter vorangebracht habe. Heute könne sie "dieses Aufbäumen gegen den unendlichen Schmerz, das man nicht kontrollieren kann", in Worte fassen, ohne alles noch einmal zu durchleiden. "Gott hat mir zwei Dinge gegeben: eine große Klappe und etwas Mut. Und diese Dinge benutze ich."

© SZ vom 25.06.2020

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