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Profil:Eric Mamer

(Foto: Dursun Aydemir/picture alliance/AA)

Karrierebeamter der EU mit poetischer Ader.

Vom Midday Briefing, der täglichen Pressekonferenz der EU-Kommission, erhoffen sich verschiedene Menschen verschiedene Dinge: Journalisten, dass ihre Fragen nicht nur mit Floskeln beantwortet werden; die Pressesprecher, dass keine Fragen gestellt werden, die sie nicht haben kommen sehen. Mit dem, was vergangene Woche dort passierte, hatte niemand gerechnet. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch aufgefallen ist, aber heute morgen hat draußen im Park die Sonne geschienen", sagte der Chefsprecher der EU-Kommission, Eric Mamer, am Dienstag vor fast leeren Rängen. "Aber viele Leute sitzen in ihren Wohnungen fest. Darum wollte ich ein kleines Gedicht vorlesen, um uns alle daran zu erinnern, dass die Natur keine Pause macht. Daran, dass bald der Frühling kommt, und dass wir diesen Frühling erleben werden." Danach rezitierte er das Gedicht "Printemps" von Victor Hugo.

Solch Pathos ist Mamer sonst fremd. Im Gegenteil: In Brüssel murren die Journalisten, unter Mamers Vorgänger sei das tägliche Briefing launiger gewesen; genau so, wie auch der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker als launiger gilt als seine Nachfolgerin Ursula von der Leyen. Andere finden, die Sprecher sollten nicht nur diplomatisch geschliffene Phrasen ausspucken, sondern häufiger Klartext reden. Das passiert zwar schon, doch eben eher in Hintergrundgesprächen, als bei der live im Internet übertragenen täglichen Pressekonferenz.

Für die EU-Beamten in Brüssel sind es ebenfalls besondere Zeiten. In Belgien gelten schon seit vergangenem Mittwoch strenge Ausgangsbeschränkungen. Und so trug Mamer am Donnerstag erneut ein Gedicht vor: "Hope is the thing with feathers" von Emily Dickinson. "Das ist ein Gedicht über Widerstandskraft, und Widerstandskraft können wir in diesen Tagen alle sehr, sehr gut brauchen", sagte er zur Erklärung.

Diesmal richtete Mamer seinen poetischen Gruß nicht nur an die Journalisten, sondern auch an seine Kollegen aus der EU-Kommission: 25 000 Beamte arbeiten derzeit im Home-Office, viele von ihnen verfolgen die tägliche Pressekonferenz im Internet. Sogar die Pressesprecher werden inzwischen meist nur noch zugeschaltet. "Wir brauchen Sie, wir sind gemeinsam in dieser Situation", sagte Mamer an seine Kollegen gerichtet. Zusammen werde man alles unternehmen, um aus dieser Krise wieder herauszukommen.

Für den Franzosen ist das Amt als Chefsprecher von Ursula von der Leyen der vorläufige Höhepunkt einer steilen Karriere in der EU-Kommission. Bevor der Betriebswirt im vergangenen November sein Amt antrat, arbeitete er unter anderem in den Generaldirektionen für den Binnenmarkt und für den Haushalt sowie im Kabinett des damaligen deutschen EU-Kommissars Günther Oettinger.

Als der Politikbranchendienst Politico 2015 anhand verschiedener Kriterien den "perfekten EU-Beamten" suchte, war Mamer auf der Liste der Genannten, unter anderem deswegen, weil er bereits damals an vielen wichtigen Sitzungen teilnahm, und weil er an der Schnittstelle von vielen verschiedenen Abteilungen der Behörde arbeitete. Kenntnisse in Poesie standen zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht auf der Liste seiner Talente.

An diesem Montag endete die Pressekonferenz erneut mit einem Gedicht. Sein Team arbeite hart, um die Presse auch in diesen schwierigen Zeiten mit Informationen zu versorgen, sagte Mamer. Das sei aber nichts gegen die Arbeit all jener, die "an der Front" gegen das Virus kämpften. Auf sein Bitten trug eine italienische Kollegin darauf das Gedicht "Speranza" von Gianni Rodari vor, "Hoffnung". Den EU- Institutionen ist in den vergangenen Wochen wiederholt vorgeworfen worden, bei der Krisenbewältigung nicht genug Herz zu zeigen. Aber so viel Herz wie jetzt gerade war zumindest im Midday Briefing selten.

© SZ vom 24.03.2020
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