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Profil:Dominic Fritz

(Foto: Ovidiu David/DPA)

Bürgermeister, der ganz Europa in einer Stadt fand.

Von Cathrin Kahlweit

Die Stadt Temeswar (Timișoara) und ihre 300 000 Einwohner haben im Dezember 1989 Revolutionsgeschichte geschrieben: Damals sollte ein Pfarrer der reformierten Gemeinde, der sich kritisch über Diktator Nicolae Ceaușescu geäußert hatte, zwangsumgesiedelt werden. Die Bevölkerung versuchte, ihn gegen die Securitate zu schützen, am Ende wurde aus der Aktion ein Aufstand mit Straßenschlachten und Toten. Tage später wurde Ceaușescu standrechtlich erschossen.

Nun hat sich in der multikulturell geprägten Stadt im Dreiländereck von Rumänien, Serbien und Ungarn erneut eine Revolution vollzogen - wenngleich diesmal eine kleine: Ein Deutscher, der als junger Mann nach dem Abitur an einer Jesuitenschule im Schwarzwald für ein soziales Jahr nach Timișoara gekommen war, verliebte sich in Land und Leute - und kehrte immer wieder zurück. Er hatte sich anfangs um obdachlose Kinder gekümmert, hielt den Kontakt, sah die großen, sozialen Probleme, die Korruption, die schleppende Vergangenheitsbewältigung, und zog vor einem Jahr ganz nach Timișoara.

Am Sonntag ist Dominic Samuel Fritz aus dem Dorf Görwihl im Kreis Waldshut zum Bürgermeister der Stadt gewählt worden. Es sei eine "unglaublich große Ehre" für ihn, rief er den jubelnden Fans zu, als sich sein Sieg abzeichnete; "jetzt schreibt ihr Geschichte. Zum ersten Mal in der Geschichte wird in Rumänien ein Bürgermeister gewählt, der keine Wurzeln hier hat!" Eine Tangente in die hohe Politik immerhin gibt es: Staatspräsident Klaus Johannis, früher Bürgermeister von Hermannstadt (Sibiu), stammt aus einer Familie von Siebenbürger Sachsen.

Für den neuen Job gab der 37-jährige Politik- und Verwaltungswissenschaftler, der Studienaufenthalte in den USA, Großbritannien und Frankreich absolvierte, eine Karriere in Deutschland auf: Er war zeitweilig bei den Grünen engagiert gewesen und hatte von 2016 bis 2019 für Ex-Bundespräsident Horst Köhler gearbeitet, zuletzt als Büroleiter. In der EU dürfen auch Einwohner, die keinen Pass des jeweiligen Landes haben, zu Wahlen antreten. In Temeswar mit seinen deutschen und jüdischen Wurzeln und seinem Sprachengemisch habe er begriffen, sagte Fritz seiner ehemaligen Heimatzeitung, dem Schwarzwälder Boten, "was Europa ist". Er spricht mittlerweile akzentfrei Rumänisch und hat als passionierter Musiker, der Cello und Klavier spielt, einen beliebten Gospelchor begründet. Als eines von acht Kindern habe er, so Fritz, in der Großfamilie kämpfen, verhandeln und Niederlagen einstecken gelernt, das habe ihn zum Politiker gemacht.

Nun will er sich 1200 Kilometer entfernt von Berlin, wo er zuletzt lebte, in der Hauptstadt des ehemaligen Banats in der österreichisch-ungarischen Monarchie mit voller Kraft in seine neue Arbeit werfen. Jahrelang war er gependelt, hat monatelang Wahlkampf für die USR ( Union zur Rettung Rumäniens), eine liberale Antikorruptionspartei, gemacht, und will nun "Grenzen überschreiten" - in vielerlei Hinsicht. 2021 wird Timișoara Kulturhauptstadt Europas, Fritz will das "Potenzial der Stadt heben", wie er der Deutschen Welle sagte. Vor allem aber will er seine proeuropäische Partei USR weiter voranbringen. Diese setzte sich in den Kommunalwahlen am vergangenen Wochenende in mehreren Großstädten durch, so etwa in Klausenburg (Cluj) und auch in Bukarest. Die Wahlen gelten als Stimmungstest für die Parlamentswahl Anfang Dezember.

Dominic Samuel Fritz will jetzt Zeichen setzen: Er verspricht ein transparentes Rathaus - und eine transparente Politik. Und er verspricht, dass in Temeswar wieder "Geschichte geschrieben" werde; die Stadt solle eine "Gemeinschaft ohne Angst" werden. Mit der erneuten Revolution, so Fritz euphorisch, sei jene Übergangszeit von 30 Jahren beendet worden, die mit dem Aufstand in Temeswar begonnen habe.

© SZ vom 01.10.2020

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