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Profil:David Attenborough

(Foto: HANNAH MCKAY/Reuters)

Altmeister des Naturfilms, sieht die Welt in Gefahr.

Von Joachim Käppner

Ein Mensch, nach dem eine fleischfressende Pflanze, eine Spinne und ein ausgestorbener Fisch benannt sind, hätte normalerweise wohl Anlass, darüber nachzudenken, wie die Welt ihn wohl sehen mag. Aber normalerweise, das ist keine Kategorie, in der David Attenborough denkt und handelt. Der 94-jährige Brite überblickt die Zahl seiner Preise, Auszeichnungen und Ehrendoktorhüte wahrscheinlich selbst kaum noch. Er wurde von der Queen geadelt; viele Millionen Zuschauer sahen die Naturdokumentationen, an denen er beteiligt war; seine tiefe, ausdrucksstarke Sprecherstimme ist im Gefühl einer gewaltigen Fangemeinde zur Stimme der bedrohten Natur geworden. Der alte Herr, 1926 bei London geboren, ist schon seit Langem ein Star im Netflix-Universum.

In der neuen Dokumentation "David Attenborough: A Life on Our Planet" nennt er sich einen Augenzeugen: ein besessener Naturforscher, der in vielen Jahrzehnten eine lawinenartige Umweltzerstörung erlebte und dagegen ankämpfte. Attenborough, der als junger Mann bei der Royal Navy diente, ging schon 1952 zur BBC. Von den "Zoo-Expeditionen" in den Fünfzigern bis hin zu majestätischen Mehrteilern wie "Planet Earth" reiste er dermaßen viel, dass ein BBC-Direktor witzelte, kein anderer Mensch sei so weit auf der Welt herumgekommen wie Attenborough (der trotzdem bis zum Tod seiner Frau Jane 1997 fast ein halbes Jahrhundert verheiratet war): zu den Schneeleoparden im Himalaja, den Pinguinen in den tauenden Eismeeren, den Fröschen im schwindenden Licht des Regenwaldes.

Es kann heutzutage nicht ausbleiben, dass selbst Attenborough Verstöße gegen das vorgeworfen wird, was die üblichen Besserwisser für korrekt halten: Heuchlerisch inszeniere er eine heile Natur, betreibe Schönfärberei mit schönen Tieren. Ein Lieblingsvorwurf: All die einsamen Gipfel und Wipfel seien ja nur mit dem Flugzeug erreichbar, die Filme nur durch Heerscharen von Crewmitgliedern möglich. Über die Netflix-Produktion beispielsweise nölt der Tagesanzeiger: "Es wäre naiv, anzunehmen, dass sie alle per E-Bike oder zu Fuß zu den Dreharbeiten anreisten. Sonst hätte Netflix wahrscheinlich auch damit angegeben." Man tut solchem Lamento womöglich kein großes Unrecht mit der Vermutung, dass der Altmeister des Naturfilms darüber erhaben ist und sein monumentales Filmwerk ohnehin. Welchem Zweck dieses dient, darüber hat Attenborough nie einen Zweifel gelassen, etwa auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen 2018: "Wir stehen vor einer vom Menschen verursachten Katastrophe von globalem Ausmaß, unserer größten Bedrohung seit Tausenden Jahren: dem Klimawandel. Und wenn wir nicht handeln, steht der Zusammenbruch unserer Zivilisationen und das Aussterben eines Großteils der Natur bevor."

Das ist sein Credo: den Menschen, buchstäblich, die atemberaubende Komplexität der Natur vor Augen zu führen, den Zauber und das Wunder der Schöpfung, wie es Christen nennen, den Wert all der Tiere und Pflanzen, die drohen, unwiderruflich verloren zu gehen und mit ihnen die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen selbst. In Jahren, in denen irrlichternde Populisten in den USA aus dem Klimaabkommen aussteigen und in Brasilien den Regenwald abbrennen, als gäbe es kein Morgen, ist der greise David Attenborough die vielleicht wirksamste und überzeugende Gegenstimme.

Zumindest ist es nie zuvor jemandem gelungen, so schnell eine Million Follower auf Instagram zu sammeln wie ihm - nämlich nur vier Stunden und 44 Minuten nach seiner Anmeldung auf der Social-Media-Plattform. Damit unterbot er sogar Prinz Harry und Herzogin Meghan deutlich. Er, der noch wenige Jahre zuvor angeblich nicht einmal eine E-Mail-Adresse besaß, nutze eben auch Instagram für seine Botschaft, "weil die Welt in Schwierigkeiten ist", unsere eigene und einzige Welt.

© SZ vom 07.10.2020

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