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Profil:Clément Beaune

(Foto: Ludovic Marin/AFP)

Strippenzieher von Präsident Macron, nun im Rampenlicht.

Von Leo Klimm

Clément Beaune ist an der Reihe. Er mag leise bei sich denken: endlich. Immer wieder war Emmanuel Macrons Europaberater übergangen worden, als in Paris zuletzt Topjobs mit EU-Bezug zu vergeben waren. Mal ging es um die Spitzenkandidatur der Präsidentenpartei La République en Marche bei der Europawahl 2019, mal um den Posten des Europastaatssekretärs. Macron behielt den Mann, der die politische Identität des Präsidenten als Europäer entscheidend geprägt hat, lieber an seiner Seite im Élysée-Palast. Beaune schluckte den Frust hinunter - aber strebte unbeirrt weiter nach mehr Sichtbarkeit.

Nun also darf er aus dem Schatten treten. Im Zuge einer Regierungsumbildung macht Macron ihn doch noch zum Europastaatssekretär. Beaune, 38, darf seine Rolle als europapolitisches Alter Ego des Präsidenten damit auch ganz offiziell und öffentlich spielen. Und nebenbei dem Mentor nacheifern: Macron hatte seine eigene Karriere als Politiker im Jahr 2014 auch damit begonnen, dass er von dem damaligen Staatschef François Hollande vom Berater zum Regierungsmitglied gemacht wurde.

Die Beförderung des Strippenziehers Beaune ist der Lohn für einen hart erstrittenen Verhandlungserfolg. Es war der jugendlich wirkende Berater, der in der Corona-Krise die Chance erkannte, eine alte Idee Macrons durchzusetzen. Erst weichten der Präsident und sein EU-Experte den Widerstand von Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen eine gemeinsame europäische Haftung für Schulden auf. Dann boxten sie im Verbund mit Merkel auf dem EU-Gipfel Mitte Juli ein schuldenfinanziertes Multimilliardenpaket gegen die Corona-Krise durch. "Man darf eine gute Krise nie verschenken", sagte Beaune schon zu Beginn der Pandemie. Im Unterschied zu vielen Diplomaten pflegt er sich unmissverständlich auszudrücken. Er bleibt dabei aber stets unaufgeregt.

Als Staatssekretär wird Beaune in den nächsten Monaten zum einen Nachbesserungen am Corona-Hilfspaket aushandeln. Zum anderen will er seinen eigenen Landsleuten die Nützlichkeit Europas neu beweisen: Aus dem Wiederaufbauprogramm sollen 40 Milliarden Euro nach Frankreich fließen. "Ich möchte zeigen, dass Europa nicht von den nationalen Themen abgekoppelt ist", sagt er, schon mit Blick auf die Präsidentenwahl 2022, zu der Macron wohl wieder antreten will.

Beaune zählt zu der seltener werdenden Spezies der überzeugten Europäer. Seine EU-Verhandlungspartner schätzen seine Kompetenz, echte Kritiker sind schwer auszumachen. Das mag auch daran liegen, dass Beaune ein altes Übel französischer EU-Politik - die Herablassung besonders kleinen Mitgliedstaaten gegenüber - glaubhaft abzustreifen versucht. Der arrogante Habitus, der vielen Absolventen der prestigeträchtigen Straßburger Elitehochschule École nationale d'administration (Ena) sonst anhaftet, geht ihm vollkommen ab. Beaune verfolgt lieber mit Akribie, ja fast mit Leidenschaft die Innenpolitik jedes einzelnen europäischen Landes, und sei es noch so klein und weit entfernt von Paris.

Dieses Interesse wurde, so erzählt er, durch Reisen im Kindesalter geweckt. Nach dem Mauerfall erkundete er mit seinen Eltern, einem Medizinprofessor und einer Krankenschwester, jeden Sommer ein anderes Land östlich von Frankreich - angefangen 1990 mit Deutschland. Später studierte er nicht nur an der Ena, sondern erweiterte seinen Horizont am Europakolleg von Brügge. Als junger Spitzenbeamter fiel er bald Macron auf.

Dem hat er sechs Jahre lang als Europaberater gedient, erst als Macron Minister war, dann als dieser Präsident wurde. Andere Weggefährten des Staatschefs sind längst verschwunden. Sie gaben erschöpft auf, fielen als Minister beim Chef durch oder disqualifizierten sich selbst mit Sexvideos. Der Fleißarbeiter Clément Beaune ist noch da. Das heißt: Er ist jetzt erst richtig da.

© SZ vom 28.07.2020

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