Profil Christophe Castaner

Frankreichs Innenminister, oberster Polizist und zu eifriger Tänzer.

Von Nadia Pantel
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Wer französischer Innenminister wird, darf nicht damit rechnen, einen einfachen Job zu übernehmen. Terrorangriffe, soziale Unruhen, streikende Ordnungskräfte: Der oberste Zuständige für die innere Sicherheit füllt in Paris oft die Rolle des Krisenmanagers aus. Doch nur wenige hatten so wenig Zeit, um in diese Rolle hineinzuwachsen wie Christophe Castaner. Der Jurist war genau einen Monat im Amt, als am 17. November die Massenproteste der Gilets jaunes begannen. Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron immer wieder sein Verständnis für den Volkszorn betonte, entschied sich Castaner von Anfang an für eine harte Linie. Sprach er über die Gelbwesten, rügte er vor allen Dingen die Gewalt innerhalb der Bewegung. Tatsächlich führte der spontane und anarchische Charakter vieler Demonstrationen zu einem hohen Grad an Chaos. Gleich in der ersten Woche dieses Gelbwestenwinters wurden zwei Menschen an illegalen Straßensperren überfahren. Für Castaner waren und sind die unzufriedenen Franzosen in Warnweste in erster Linie ein Sicherheitsrisiko.

Diese Deutung der Situation passt zu dem Spitznamen, den die Franzosen allen ihren Innenministern geben: "premier flic", erster Bulle des Landes. Seit Castaner im Amt ist, gibt er aus voller Überzeugung den obersten Polizisten. Das Problem ist, dass er mit dieser Chefposition oft überfordert wirkt. Als Autoritätsfigur für die Beamten gilt eher Laurent Nunez. Der frühere Chef des französischen Inlandsgeheimdienstes ist unter Castaner Staatssekretär im Innenministerium und wird für seine guten Sachkenntnisse respektiert. Castaner hingegen ist zur Symbolfigur der Polizeigewalt geworden. Bei den Protesten der Gelbwesten werden inzwischen Sticker verteilt, auf denen der Innenminister verschlagen grinsend und mit Augenklappe dargestellt wird. Ein Verweis auf die vielen Demonstranten, die durch den Einsatz von Gummigeschossen an den Augen verletzt wurden, obwohl die Polizisten eigentlich nicht auf Köpfe zielen dürfen.

Castaner reagiert auf die Kritik an den Gummigeschossen, indem er sich schützend vor die Polizisten stellt. Es habe zwar "Unfälle" gegeben, aber die Polizisten hätten "das Recht, sich zu verteidigen". Nur wollen viele Polizisten nicht mehr von Castaner verteidigt werden. Am 9. März, dem 17. Samstag der Gelbwestenproteste, wurde der Innenminister gefilmt, wie er sichtlich gelöst und eng umschlungen mit einer jungen Frau in einer Pariser Diskothek tanzte. Zum einen war die Frau in Castaners Armen nicht seine Ehefrau und die Mutter seiner zwei Töchter. Zum anderen schoben Polizisten auf den Pariser Straßen Überstunden, während ihr Chef bester Laune zum Wodka gegriffen haben soll. Die Polizeigewerkschaften reagierten ebenso empört wie die Opposition.

Der häufigste Vorwurf an Castaner seit Beginn der Proteste der Gilets jaunes lautet, dass es ihm nicht gelingt, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Für Linke gefährdet er den Frieden des Landes, weil er die Polizeigewalt kleinrede. Konservativen gilt er schlicht als unseriös. Guillaume Larrivé von den Republikanern schrieb auf Twitter: "Das Problem ist nicht, dass Castaner sich in der Disco amüsiert, sondern dass er Innenminister ist." Castaner war im Oktober 2018 zum Minister berufen worden, als Macron sich durch verschiedene Rücktritte gezwungen sah, die Regierung neu aufzustellen. Der Südfranzose Castaner gilt als einer der ersten Unterstützer und engsten Vertrauten des Präsidenten.

Nachdem Menschen in gelben Westen am Samstag erneut die Champs-Élysées verwüsteten, versuchte Castaner, mit harten Ansagen Klarheit zu schaffen. Demonstranten hatten Feuer in einer Bankfiliale gelegt und dadurch auch ein Wohnhaus in Brand gesteckt. Menschen, die so etwas tun, seien "Mörder", sagte Castaner. Und: Die Bewegung der Gilets jaunes "existiert nicht mehr".