Profil:Bischof Tichon Schewkunow

bishop Tikhon; bishop Tikhon
(Foto: Ivan Sekretarev/AP)

Putins angeblicher Beichtvater glaubt an Ritualmord am Zaren.

Von Julian Hans

Wären da nicht die nüchternen Meldungen der staatlichen Nachrichtenagenturen, man könnte meinen, es handle sich um ein absurdes Theaterstück - über ein Land, das ins Mittelalter zurückgefallen ist: Auf einer Konferenz haben Experten von Russlands oberster Ermittlungsbehörde und Geistliche der orthodoxen Kirche diese Woche über die Frage beraten, ob es sich beim Mord an Nikolai II. und seiner Familie um ein religiöses Menschenopfer gehandelt habe. Ging es den Bolschewiki etwa um mehr als die endgültige Beseitigung der Monarchie, als sie die Romanows im Sommer 1918 in Jekaterinburg töteten? Wurde der letzte Zar Opfer eines Ritualmords?

Man könnte sich vielleicht damit beruhigen, dass es überall Außenseiter mit wirren Ansichten gibt, wäre der Gastgeber der Konferenz nicht Bischof Tichon, Vorsteher des Moskauer Sretenski-Klosters, Leiter des Rats für Kulturfragen beim Moskauer Patriarchen und der Öffentlichkeit vor allem bekannt als angeblicher Beichtvater von Russlands Präsident Wladimir Putin.

"Wir nehmen die Version eines Ritualmordes sehr ernst", sagte Tichon nach der Konferenz am Montag. "Ein großer Teil der kirchlichen Kommission hat keine Zweifel daran, dass es genau so war." Ritualmord-Legenden sind ein uraltes Stereotyp des Antisemitismus. Geschichen von Juden, die Blut christlicher Knaben trinken, dienten seit dem frühen Mittelalter als Vorwand für Pogrome. Auch wenn die Kirchenvertreter in ihren Erklärungen zur Konferenz das Wort "Juden" vermeiden, versteht jeder, was gemeint ist, schließlich waren unter den Revolutionären viele jüdischer Abstammung.

Schon allein die Tatsache, dass es sich bei Nikolai um eine symbolische, ja "sakrale" Figur gehandelt habe, lege den Verdacht eines Ritualmords nahe, argumentiert Tichon. Der 59-Jährige heißt mit weltlichem Namen Georgi Schewkunow. In der Sowjetunion schloss er die Gerassimow-Filmhochschule in Moskau ab, bevor er in das Höhlenkloster in Pskow eintrat. Als Putin 1998 die Leitung des Geheimdienstes FSB übernahm, war Tichon schon Leiter des Sretenski-Klosters, das in der Lubjanka-Straße nicht weit von der Geheimdienstzentrale liegt und den Ruf hat, eine "Tschekisten-Gemeinde" zu sein.

Dass Tichon Putins Beichtvater sei, hat keiner der beiden je dementiert oder bestätigt. Fraglos ist er aber ein einflussreicher Vertreter jener reaktionären Kreise, die seit Jahren an Einfluss gewinnen. Der Kulturrat des Patriarchen prägt die neue Ideologie eines starken Staats, der verteidigt werden muss gegen Feinde von innen und außen. Viele sehen in ihm den Spiritus Rector der Ermittlungen gegen den Theater-Intendanten Kirill Serebrennikow, der im August unter Betrugsvorwürfen unter Hausarrest gestellt wurde. Und hinter der Hasskampagne gegen den Regisseur Alexej Utschitel, dessen Film "Mathilda" die Liebschaft des letzten Zaren mit einer Ballerina behandelt. Serebrennikow und Utschitel sind jüdischer Abkunft.

© SZ vom 30.11.2017
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