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Profil:Bernadette Zwiener

(Foto: Studioline Photography/Berlin)

Gebärden-Dolmetscherin mit Gespür für Gesten.

Manchmal sind Ereignisse so umstür-zend, dass sich die Sprache ändern muss. Vor einem halben Jahr wusste wohl kaum jemand außerhalb der Wissenschaft, was "Coronavirus" bedeutet. Heute ist das Wort in nahezu jeder Sprache der Welt ein Begriff - auch in der Sprache der Gehörlosen. Bernadette Zwiener übersetzt Corona, indem sie eine Hand zur Faust ballt und die Finger der anderen schwungvoll darüber streckt. Die Faust könnte die Welt symbolisieren, die Finger die Ausbreitung der Krankheit, sagt sie. Die Geste ihres Kollegen, mit dem sie sich oft abwechselt, wenn sie die Krisenkommunikation der Bundesregierung in Gebärdensprache übersetzt, ist ähnlich: Faust und Finger. Doch er hat dabei die Gestalt des Virus unter dem Mikroskop vor Augen: einen Ball mit Stacheln. Wie auch immer diese Gebärde zwischen gehörlosen Menschen entstanden ist: sie wird im Augenblick dringend gebraucht.

Etwa 200 000 Menschen in Deutschland sind laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund taub oder so schwerhörig, dass sie auf einen Gebärdensprachdolmetscher angewiesen sind. Bernadette Zwiener ist selbständig, sie übersetzt Gespräche zwischen Chef und Angestelltem, Arzt und Patient, Behörde und Bürger, und in den letzten Wochen vor allem zwischen den Politikern und der Bevölkerung. Denn während sonst bloß der Fernsehsender Phoenix regelmäßig die Tagesschau in Gebärdensprache übertragen lässt, buchen in Anbetracht der globalen Krise nun auch das Robert-Koch-Institut oder die Bundespressekonferenz regelmäßig Dolmetscher. Endlich, könnte man sagen.

Zwiener trägt Schwarz, damit ihre Hände gut zu erkennen sind, und blickt jetzt meist in eine Kamera oder in die Gesichter von Journalisten. So wie die Minister und Institutspräsidenten in diesen Tagen ihre Worte wägen, um ihre harten Einschnitte gut zu begründen oder Panik zu vermeiden, muss auch Zwiener simultan gut überlegen, welche Geste und welche Mimik sie mit welcher Intensität einsetzt. Die Gebärdensprache besteht nicht nur aus Handzeichen, sondern auch aus deutlichen Gesichtsausdrücken. Doch wenn ein Politiker getragen redet, kann auch Zwiener nicht zu lebhaft gebärden - zumal sie auch davon lebt, dass Hörende sie buchen. Und die finden es häufig irritierend, wenn sie zu sehr den Mund verzieht. Für Zwiener ist genau dies ein Spagat: Schließlich besteht ein vollständiges Gebärdenwort, neben der großen Geste, immer auch aus ausdrucksstarker Mimik.

Die offizielle Kommunikation in der Coronakrise bedeutet für Bernadette Zwiener auch in anderer Hinsicht "kognitive Höchstleistung", wie sie sagt. In der Gebärdensprache benutzt man viele Bilder und Erklärungen. Doch welches anschauliche Beispiel soll man geben, wenn ein Pressesprecher mit Worthülsen ausweicht? Gebärdensprache ist auch direkter als das Deutsch der Hörenden, vage Formulierungen gibt es hier kaum. Ohne Stimme und Tonlage fehlen bestimmte Zwischentöne, Ironie gibt es nicht. Wenn Zwiener ein Mitarbeitergespräch übersetzt, konkretisiert sie das Geschwurbel. Sagt der Chef: "Ich bin mit Ihrer Leistung zufrieden", gebärdet sie: "Sie haben sehr gut gearbeitet." Doch in der Politik muss sie sich mit Interpretationen zurückhalten - und dennoch für Gehörlose verständlich bleiben.

So bedrohlich die ernsten Worte der Kanzlerin in diesen Tagen wirken, so sind auch die Gebärden der Krise wenig erhei-ternd. Das Wort "Virus" übersetzt Zwie-ner, indem sie zwei Teufelshörner andeu-tet. Für die "Quarantäne" führt sie Dau-men und Zeigefinger beider Hände zu-sammen: wie ein Schloss, das klickt. Zwiener hat nach ihrem Diplom im Gebärdensprachdolmetschen noch einmal studiert: Psychologie. "In Zeiten von Unsicherheit gewinnen Informationen an Bedeutung", sagt sie: "Weil alle mehr auf Kommunikation angewiesen sind." Und hier gibt es zwischen den Menschen, die hören und denen, die nur sehen, gar keinen Unterschied.

© SZ vom 28.03.2020

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