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Profil:Arthur G. Sulzberger

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Arthur Gregg Sulzberger: Kronprinz im Verlag der New York Times.

(Foto: Todd Heissler/AFP)

Stellvertreter seines Vaters und Kronprinz im Verlag der New York Times.

Sie haben sich alle zurückgezogen, die großen amerikanischen Verlegerfamilien des 20. Jahrhunderts: die Bancrofts (Wall Street Journal), die Grahams (Washington Post), die Chandlers (Los Angeles Times) und viele andere. Sie scheiterten an Familienzwist, an der Zeitungskrise oder an beidem. Nur eine Familie blieb übrig: die Ochs-Sulzbergers, Mehrheitseigner der New York Times.

Jetzt machten sie unmissverständlich klar, dass sie auch künftig im Geschäft bleiben wollen. Arthur Gregg Sulzberger, 36, wird zum 1. November Stellvertreter seines Vaters Arthur Sulzberger Jr., der den Verlag als Herausgeber und Vorsitzender des Verwaltungsrats führt. Der junge Mann ist damit das, was man den Kronprinzen der New York Times nennen könnte. Zuvor hatte er sich in einem formalisierten Verfahren gegen zwei Vettern durchgesetzt: Sam Dolnick und David Perpich. Der heute 65-jährige Vater Sulzberger hatte zuvor angekündigt, mit 70 von allen Ämtern zurückzutreten.

Der Kronprinz war 2014 zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb der New York Times aufgefallen. Als Hauptautor hatte er einen "Innovation Report" über die Folgen der Digitalisierung für die Zeitung verfasst. Seine Empfehlungen für einen radikalen Umbau der Redaktionen werden inzwischen nicht nur im Times-Hochhaus an der Eighth Avenue in Manhattan umgesetzt, sondern in vielen Zeitungen in der ganzen Welt. Seit 2015 leitet Sulzberger ein Team, das die digitale Transformation der Redaktion weitertreiben soll.

Das Thema Digitalisierung wird Sulzberger nicht loslassen; von deren Beherrschung hängt es schließlich ab, ob er noch Gelegenheit haben wird, den Verlag an ein Mitglied der nächsten Generation weiterzugeben. Wie die New York Times selber in eigener Sache schreibt, tritt Sulzberger sein Amt zu einem "entscheidenden Moment für die Zeitung" an. In der Redaktion stehen Anfang 2017 Stellenkürzungen an, ein weiteres Strategiepapier soll demnächst veröffentlicht werden. Unter den Mitarbeitern gehe die Angst um, schreibt die Times offen. Die Redakteure der Zeitung habe man bereits angewiesen, "Änderungen im Tempo, im Ton und in der Form des Times-Journalismus zu akzeptieren".

Gelingt der Übergang, wird Arthur Gregg Sulzberger die New York Times in fünfter Generation führen. Für seine Aufgabe ist er sorgfältig vorbereitet worden. Er studierte an der angesehenen Brown University in Providence (Rhode Island) und arbeitete danach für das dortige Lokalblatt, das Providence Journal. Anschließend zog er an die Westküste nach Portland, um für den Oregonian zu arbeiten. 2009 wechselte er in den Verlag seines Vaters, arbeitete zunächst im Büro Kansas City der Times, um dann in der Zentrale strategische Aufgaben zu übernehmen.

Ahnherr der Familie ist Adolphe Simon Ochs (1858 - 1935), Sohn deutsch-jüdischer Emigranten aus Bayern und der Pfalz. 1896 erwarb er die finanziell angeschlagene Times. Er war damals gerade mal 38 Jahre alt, ganze zwei Jahre älter als der heutige Kronprinz. Adolph Ochs' Erfolgsrezept war, dass er im Gegensatz zu den meisten anderen Verlegern der damaligen Zeit versuchte, unparteiischen Journalismus zu betreiben. Heute ist die Times eine börsennotierte Aktiengesellschaft. Zu den größten Anteilseignern gehört der mexikanische Milliardär Carlos Slim. Die Sulzbergers verfügen jedoch über sogenannte B-Aktien, die mit einem Mehrfachstimmrecht ausgestattet sind, und sichern sich so den Einfluss auf ihre Zeitung. Ein achtköpfiger Familientrust setzt diesen Einfluss durch.

Seine Ernennung teilte Arthur Gregg Sulzberger der Redaktion am Mittwochnachmittag bei einem kurzen Stehempfang mit. Zur Feier des Tages hatte er sich in einen dunklen Anzug geworfen, was den Times-Kollegen so bemerkenswert erschien, dass sie darüber in der Zeitung schrieben.

© SZ vom 22.10.2016
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