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Profil:Anastasia Biefang

(Foto: Bernd Settnik/dpa)

Erste Transgender-Kommandeurin in der Bundeswehr

Von Edeltraud Rattenhuber

Anastasia Biefang meldet sich telefonisch auf dem Weg nach Berlin. Am Abend zuvor hat sie in Heidelberg an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Coming-out am Arbeitsplatz" teilgenommen. Für die Kommandeurin des Informationstechnikbataillons 381 im brandenburgischen Storkow sind solche Termine nicht nur willkommene Abwechslung von ihrem durchaus fordernden Beruf bei der Bundeswehr, sondern auch Verpflichtung. "Mir geht es um Sichtbarkeit", sagt die 46-Jährige. Sie will Menschen mit einem ähnlichen Schicksal positive Orientierungspunkte bieten. Etwas, das ihr selbst immer gefehlt hat.

Biefang ist die erste Transgender-Kommandeurin in der Bundeswehr. Geboren wurde sie 1974, als Junge. Doch der Junge war innerlich auch ein Mädchen. Sie fühlte sich zerrissen. Der Vater war Offizier der Luftwaffe, einige Jahre lebte die Familie in den USA. Dort, mit 16, 17, wurde das Gefühl, anders zu sein, immer stärker. Schon in ihren Zwanzigern wählte sie für sich den Namen Anastasia, ein romantischer Name, der Biefang ein positives Gefühl vermittelte, ihr half, ihr "tiefes Leiden" auszuhalten, wie sie sagt.

Dennoch strebte Biefang wie ihr Vater in die Bundeswehr, zu einem Arbeitgeber, der nicht gerade herausstach als Platz, wo man Transsexualität offen leben konnte. Das hat sich zwar schrittweise geändert, die Truppe ist offener geworden, und in Sachen Diversity gilt sie als sehr fortschrittlicher Arbeitgeber. Doch bis ins Jahr 2000 gab es einen Erlass, wonach homosexuellen Soldaten zum Beispiel ihre Führungspositionen genommen werden konnten. Und erst jetzt, 20 Jahre später, kündigte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Entschädigung und Rehabilitierung für Soldaten an, die wegen ihrer Homosexualität in der Bundeswehr diskriminiert wurden.

Biefang schreckte das nicht ab, auch weil der Beruf ihr Freude macht. "Ich hatte in 26 Dienstjahren noch nie einen Tag, an dem ich meinte, den falschen Beruf gewählt zu haben." Nach ihrem Grundwehrdienst verpflichtete sie sich als Soldat auf Zeit, machte die Offiziersausbildung, studierte an der Bundeswehr-Universität in Neubiberg Pädagogik, wurde später für die Generalstabsausbildung an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ausgewählt. Zweimal war sie bei Einsätzen in Afghanistan. Am Dienstag wird sie das Kommando in Storkow abgeben. Im November wechselt sie in den Führungsstab des Kommandos Cyber- und Informationsraum in Bonn. Der nächster Karriereschritt.

Dass diese Karriere mit ihrem Coming-out vorbei sein könnte, war wohl ihre größte Angst. "Ich will das eine, und ich will das andere, wie krieg ich das übereinander", beschreibt Biefang ihre langjährige Zerrissenheit. Doch Biefangs Offenheit kam in der Truppe erstaunlich gut an. "Ich habe durchweg Unterstützung bekommen", sagt sie. Sie war auch nicht die erste transsexuelle Soldatin oder Offizierin. "Aber man sprach nicht darüber, man kannte das nicht." Während ihrer medizinischen Transition und ihrer Geschlechtsangleichung ging es für sie beruflich vor allem darum, nicht versetzt zu werden. Damals war sie im Verteidigungsministerium tätig als Referentin. Ihr Vorgesetzter meinte dazu ziemlich unkompliziert, ist ja praktisch, wenn man ihre Abwesenheit planen kann. Und gut war's.

Biefang ist froh, dass mit ihrem Coming-out all das, was sie früher "immer nur beiseite geschoben hat", endlich klar daliegt, authentisch, für alle sichtbar. Doch ist ihr bewusst, dass es bis zur vollen Akzeptanz von LGBTQI-Menschen nicht nur in der Bundeswehr noch ein weiter Weg ist. "Meine Hoffnung ist, dass sich das offene Klima tief in den Strukturen verankert", sagt sie. Dafür arbeitet sie, unter anderem ehrenamtlich als stellvertretende Vorsitzende des Vereins QueerBW, einem Zusammenschluss von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender in der Bundeswehr. Neben ihrem Job, den sie so liebt.

© SZ
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