Profil Alexander Pereira

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Der Intendant der Scala in Mailand scheiterte an einem Deal mit Saudi-Arabien.

Von Reinhard J. Brembeck

Am 18. März 1848 begann in Mailand der Fünf-Tage-Aufstand gegen die von dem legendären Feldmarschall Radetzky angeführten österreichischen Besatzer, den dieser blutig niederschlug. Auf den Tag genau 171 Jahre später kam es jetzt in Mailand wieder zu einem Aufstand gegen einen Österreicher, den dieses Mal die Italiener gewannen. Die Rede ist von dem 1947 in Wien geborenen Alexander Pereira, der seit 2014 die Mailänder Scala leitet und sich jetzt mit den Saudis einlassen wollte, um sein Haus besser finanzieren zu können. Mit jenem Staat also, der Bomben im Jemen wirft, den regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi ermorden ließ. Ein Staat, in dem Frauen bis vor Kurzem weder Autofahren noch als Musikerinnen auftreten durften, weil alles der islamischen Richtung des Wahabismus untergeordnet wird.

Die Empörung in Italien war enorm, und am 18. März sagte der offensichtlich von Pereira düpierte Aufsichtsrat des Scala nein zu den Plänen des Intendanten. Es ist ein Nein zu 15 Millionen Euro für fünf Jahre plus sieben Millionen für eine Kindermusikschule in Riad. Dafür hätte der saudische Kulturminister Badr bin Abdullah einen Platz im Aufsichtsrat erhalten. Besonders vertrackt war, dass seit zwei Wochen drei Millionen bei einem Mailänder Notar hinterlegt waren.

Es ist wohl nur mit Hybris zu erklären, dass sich Pereira, das größte Finanzgenie unter den Opernintendanten, mit solch einem zweifelhaften Partner eingelassen hat. Er hätte wissen müssen, dass die Verbindung von Hochkultur und einem Staat, der die Menschenrechte ignoriert, eine Welle der Empörung hervorrufen würde. Vielleicht hat Pereira geglaubt, dass er diesen Skandal überstehen könnte. Es ist anders gekommen, es wurde zu seiner größten Niederlage.

Pereira ist musikbesessen, er setzt gern auf große Namen und eine leichtgängige Ästhetik

Der gelernte Marketingexperte mit Gesangsausbildung arbeitete erst für die Computerfirma Olivetti, bevor er ins Musikmanagement wechselte. Vom Wiener Konzerthaus über das Züricher Opernhaus (1991 - 2012) und die Salzburger Festspiele (2011 - 2014) führte seine Karriere steil nach oben an die Scala. Pereira ist musikbesessen, er setzt gern auf große Namen und eine leichtgängige Ästhetik. Vor allem aber ist er äußerst findig im Einwerben von Geldern, ständig reist er um die Welt auf der Suche nach Mäzenen. Denn er will sich mehr leisten können, als es die regulären Budgets hergeben. In Zürich konnte er deshalb doppelt so viele Premieren wie jedes andere Opernhaus anbieten. Aber schon in Salzburg führten seine Tendenz zur Selbstherrlichkeit und sein Finanzgebaren zu heftigen Diskussionen, er verließ vorzeitig seine Position. Und in Mailand wird sein Posten jetzt wohl über das Vertragsende im kommenden Februar hinaus nicht verlängert werden.

Die Scala ist der Stolz Italiens und das berühmteste Opernhaus der Welt, an dem Giuseppe Verdi viele seiner Opern uraufführte und Arturo Toscanini seinen Weltruhm begründete - beide waren erbitterte Feinde von Diktatur und Menschrechtsverletzung.

Allerdings ist die öffentliche Hand mittlerweile immer weniger bereit, die Kosten dieses Weltruhms allein zu tragen. Weil aber die staatlichen Zuwendungen sinken, müssen immer mehr private Gelder eingeworben werden, um den Opernbetrieb zu gewährleisten und die sowieso schon teuren Kartenpreise nicht ins Immense steigen zu lassen. 57 Millionen Euro spielt die Scala jährlich ein, 45 Millionen erhält sie von der öffentlichen Hand, 24 Millionen von privaten Geldgebern, die von Jahr zu Jahr für jedes große Opernhaus wichtiger werden. Der Betrieb wird also in Zukunft Managergestalten wie Pereira noch dringender brauchen als bisher. Allerdings sind in den vergangenen Jahren die moralischen Ansprüche an die Hochkultur massiv gestiegen. Nicht nur die Scala wird sich in Zukunft genau überlegen müssen, von wem sie sich finanzieren lässt. Geld stinkt manchmal eben doch.