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Profil:Albrecht Broemme

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Pensionist a.D. und Feuerwehrmann in der Corona-Krise.

Viel Erfahrung, viel Improvisation und manchmal "aus Prinzip" ein Corona-Bier. Das ist die Krisenstrategie des Mannes, der im Rekordtempo Deutschlands größtes Corona-Krankenhaus aufbauen soll. Albrecht Broemme, 66 Jahre, leitete von 1992 bis 2006 die Berliner Feuerwehr und war danach Präsident des Technischen Hilfswerks (THW). Ende 2019 ging er in Pension, wollte Cello spielen und im Garten wühlen. Doch nun holt ihn die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) zur Bewältigung der Corona-Krise zurück. Unter seiner Regie soll im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in einem abgetrennten Bereich des Messegeländes das "Corona-Behandlungszentrum Jafféstraße" mit 1000 Betten entstehen. Vorbild ist das Corona-Betreuungszentrum in Wien.

Ein Krankenhaus baut Albrecht Broemme zum ersten Mal auf, mit Ausnahmezuständen kennt er sich aber aus. Als jüngster Chef der Berliner Feuerwehr - 39 Jahre war er bei seiner Ernennung - führte er Anfang der Neunzigerjahre Ost- und Westfeuerwehr zusammen. 1998 erlebte Berlin das schwerste Gasunglück der Nachkriegsgeschichte. Nur wenige Straßen von Broemmes eigenem Wohnort im Stadtteil Steglitz entfernt, explodierte ein Mietshaus, sieben Menschen starben. Hunderte Feuerwehrleute und Helfer des Technischen Hilfswerks waren im Einsatz - und Broemme mittendrin.

Als Präsident des THW erlebte er 2015 die Ankunft Tausender Flüchtlinge in seiner Heimatstadt und war, so ist es in Berichten nachzulesen, erschüttert über das Chaos und die Planlosigkeit der Berliner Behörden, die bald selbst internationale Medien beschäftigte. Einige Flüchtlinge kamen damals übrigens genau dort in Notunterkünften unter, wo Broemme nun das Corona-Behandlungszentrum aufbauen wird. Es soll in Zwei- bis Vier-Bett-Zimmern Patienten aufnehmen, die in anderen Kliniken keinen Platz mehr gefunden haben.

Das könnte bald der Fall sein. Etwa 15 bis 20 Prozent aller Corona-Patienten erkranken so schwer, dass sie in die Klinik müssen. Davon muss wiederum ein Drittel auf die Intensivstation. Die Berliner Häuser haben etwa 1000 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten, dazu einige Hundert Beatmungsgeräte in den Notaufnahmen. Das Problem: Im Schnitt sind 80 Prozent der Beatmungsgeräte in den Kliniken schon belegt. Und der Corona-Ansturm steht erst noch bevor.

Den soll Broemmes Krankenhaus abfedern - wobei er selbst lieber von einem "Behandlungszentrum" spricht. In der Messehalle sollen nämlich nicht die ganz schlimmen Fälle landen. "Es sind Patienten, die über eine Sonde oder eine Beatmungsmaske Sauerstoff bekommen müssen", sagte er der Berliner Zeitung. "Sollte sich der Zustand eines Patienten verschlechtern, wird er zurück ins Krankenhaus notverlegt."

Bis es überhaupt so weit kommt, muss Broemme noch viel organisieren. Nicht nur muss die Messehalle umgebaut werden, das Behandlungszentrum braucht auch Betten, Beatmungsgeräte, Schutzkleidung und anderes medizinisches Material. Das aber wird schon in den bereits bestehenden Krankenhäusern knapp. Das Land Berlin versuche über alle Kanäle das Nötige zu beschaffen, sagte Broemme. Und: "Die Industrie hat den Ernst der Lage erkannt, sie produziert auf Teufel komm raus." Doch es bleibt schwierig.

Nicht zuletzt braucht ein Behandlungszentrum auch Personal. Broemme rechnet mit 600 bis 800 Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern sowie Hilfskräften. Weil die aber gerade auch nicht auf der Straße stehen und auf Arbeit warten, hat Broemme schon einige Ideen. Zum Beispiel will er Mediziner und Pfleger aus Bereichen abwerben, die derzeit nicht wie gewohnt arbeiten können - von der Schönheitsklinik bis zum Rehazentrum. Außerdem möchte er Personal aus der Rente zurückholen. Das hat bei ihm ja auch geklappt.

© SZ vom 25.03.2020
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