bedeckt München 27°

Profil:Abdel-Adheem Hassan

(Foto: Privat)

Derzeit einziger Zivilist im Sudan mit unbeschränktem Zugang zum Internet.

Es dauert nur ein paar Minuten, bis Abdel-Adheem Hassan auf eine Facebook-Nachricht antwortet. Wenig später ist er am Telefon, er meldet sich aus Khartum, der Hauptstadt des Sudan. Aus einem Land, in dem das Militärregime vor mehr als drei Wochen das Internet abgestellt hat. Dass Hassan sich trotzdem melden kann, ist ein kleines Wunder.

Hassan, 51, Rechtsanwalt, hat einen der drei Mobilfunkanbieter des Landes dazu verklagt, ihm den Zugang zum Internet wieder zu ermöglichen. Das Verfahren vor einem ordentlichen sudanesischen Gericht hat er zur eigenen Überraschung vor wenigen Tagen gewonnen. Der Anbieter Zain musste die Sperre aufheben - allerdings nur für Hassan selbst. Er ist nach eigenen Angaben nun der einzige Zivilist im Land, der uneingeschränkten Zugang zum Internet hat. "Das Netz ist eine Form der Kommunikation, wenn ich aber mit niemandem sonst kommunizieren kann, ist es nutzlos", sagt Hassan. Er will weiter prozessieren, diesen Mittwoch soll entschieden werden, ob für alle 40 Millionen Sudanesen die Internetsperre wieder aufgehoben wird. Es ist ein Urteil, von dem die Zukunft des Landes abhängt.

Das Internet sei wichtig für die Oppositionsbewegung, um sich auszutauschen und die Proteste zu koordinieren, sagt Hassan. Seit Monaten kämpfen Hunderttausende für einen neuen Sudan, für eine bessere Zukunft. Es ist ein Aufstand der Frauen und der Jugend, der für das Regime so gefährlich wurde, dass die Generäle im April Omar al-Baschir stürzten, der dieses Jahr eigentlich feiern wollte, dass er selbst vor 30 Jahren durch einen Putsch ins Präsidentenamt gekommen war, nun aber genau in jenem Gefängnis sitzt, in das er früher seine Gegner werfen ließ. Al-Baschirs Sturz war ein Ereignis, das viele Sudanesen nie für möglich gehalten hatten, das sie träumen ließ.

Die harte Realität meldete sich am 3. Juni zurück, Militär und Milizen räumten den großen Platz vor dem Armeehauptquartier, auf dem Zehntausende Oppositionelle ein Protestcamp aufgeschlagen hatten. Sie wurden in ihren Zelten angezündet, sie wurden vergewaltigt und in den Nil geworfen. Gleichzeitig wurde das Internet ausgeschaltet, damit der Protest keine Chance hat, sich neu zu formieren. "Wir werden aber weiter kämpfen", sagt Hassan. "Es liegt in unserer Sozialisierung, wir sind bereit, Opfer zu bringen."

Hassan ist kein klassischer Bürgerrechtsanwalt, damit könnte man in so einer Diktatur kaum überleben. Er arbeitet in einer Kanzlei, die auch in den Golfstaaten Zweigstellen hat. Er hat große Unternehmen beraten und Fachartikel veröffentlicht. Er hat aber auch an der Universität Khartum unterrichtet, einer Brutstätte des Widerstandes, die das Regime in Jahrzehnten nie wirklich komplett unter Kontrolle bekommen hat. Immer wieder wurde die Uni für ein paar Monate geschlossen, immer wieder formierte sich dort der Widerstand gegen die Machthaber. Dieses Mal ist er so groß und nachhaltig wie lange nicht mehr, weil sich Ärzte, Beamte und Rechtsanwälte wie Hassan in großer Zahl angeschlossen haben.

Mehr als 100 Demonstranten wurden in den vergangenen Monaten umgebracht, einige am 30. Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch. Der internationale Protest freilich blieb sehr überschaubar. Aus der Bundesregierung kam der Appell an beide Seiten, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Worte der Solidarität und des Mitgefühls mit den Demonstranten suchte man weitgehend vergeblich.

"Wir brauchen mehr internationale Unterstützung", sagt Hassan. Nachdem er seinen Prozess gewonnen hat, kündigte das Regime an, das Internet schrittweise wieder zuzulassen, die sozialen Medien aber nicht. Die Proteste würden trotzdem weitergehen, sagt der Anwalt. Am Sonntag demonstrierten wieder Zehntausende. "Der Sudan", so Hassan, "wird wiederauferstehen".

  • Themen in diesem Artikel: