bedeckt München 14°

Produzent von "Innocence of Muslims":Wer hinter dem islamophoben Hass-Film steckt

In der islamischen Welt hat der Film zu einem Gewaltausbruch geführt, jetzt scheint klar zu sein: Ein radikaler koptischer Christ aus Kalifornien steckt offenbar hinter dem abstoßenden Machwerk "Innocence of Muslims". Trickreich soll er sogar die Schauspieler über seine wahren Pläne getäuscht haben - und lebt nun unter Polizeischutz.

Sebastian Gierke

Wer so viele Namen trägt, der hat etwas zu verbergen. Seine eigene Niederträchtigkeit, seine Dummheit und sein krudes Weltbild. So scheint es in diesem Fall. Vielleicht auch seine kriminelle Vergangenheit, seine Verbrechen.

Ein Polizeiauto vor dem Haus, in dem offenbar Nakoula Basseley Nakoula wohnt. Er hat unter einem Pseudonym einen islamfeindlichen Film produziert.

(Foto: AP)

Der Mann, der hinter dem islamfeindlichen Film "Innocence of Muslims" steckt, gab sich in seinem Leben bereits viele Namen. Ahmed Hamdy nannte er sich zum Beispiel, oder Amal Nada, Daniel K. Caresman, Matthew Nekola, Sobhi Bushra, Robert Bacily, Nicola Bacily.

Sein echter Name lautet offenbar Nakoula Basseley Nakoula. Für die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden ist Nakoula, der nach Angaben von Ermittlern koptischer Christ sein soll, offenbar kein Unbekannter. US-Medien berichten, dass Nakoula 1997 wegen eines Drogendeliktes verurteilt worden war. Er hatte offenbar versucht, Crystal Meth herzustellen. Im Jahr 2010 musste er wegen Steuerbetrugs 21 Monate hinter Gitter und 790.000 Dollar Strafe zahlen. Damals nutze er das Pseudonym "Robert Bacily".

Nun also hat Nakoula im Nahen Osten einen Gewaltausbruch ausgelöst, vermutlich unter dem Pseudonym Sam Bacile. Unter diesem Nutzernamen war im Juli ein 14-minütiger Film bei YouTube hochgeladen worden, seit Anfang September kursiert davon im Netz auch eine arabische Version. In dem abstoßenden Machwerk wird der Prophet Mohammed als barbarischer, frauenverachtender, pädophiler Betrüger verunglimpft. Der Streifen ist amateurhaft, billig und plump produziert, ihn als Trash zu bezeichnen, wäre euphemistisch.

Wie "Sam Bacile" enttarnt wurde

Nachdem der Film in Ausschnitten am 8. September in einer ägyptischen Talkshow gezeigt worden war, kam es im Land zu gewaltsamen Protesten, die immer weiter eskalierten, auf andere Länder der muslimischen Welt übergriffen und in deren Folge vier US-Diplomaten in Libyen starben. Zu Ausschreitungen kam es auch im Jemen, in Iran und im Irak, dem Gaza-Streifen, Jordanien, Sudan und Tunesien.

Viel wurde daraufhin darüber spekuliert, wer hinter dem Hass-Film steckt. Dem Wall Street Journal und der Nachrichtenagentur AP gab ein Mann fast identische Interviews, in denen er behauptete, Sam Bacile zu heißen, ein etwa 50-jähriger Israeli zu sein, der für den rund zweistündigen Film fünf Millionen Dollar (rund 3,9 Millionen Euro) von 100 jüdischen Spendern eingesammelt habe. Dieser "Sam Bacile" erklärte, Autor und Regisseur des Films zu sein.

Doch schnell wuchsen die Zweifel. Im Laufe des Donnerstags wurde dann klar: Sam Bacile ist ein Pseudonym, das die Identität des Filmemachers schützen sollte. Der Name Sam Bacile ist weder bei amerikanischen noch bei israelischen Behörden registriert.

Eine Spur führte zu Steve Klein, der ebenfalls an dem Filmprojekt beteiligt gewesen sein soll. Der Vietnam-Veteran sagt von sich selbst, er sei ein militanter Christ. Den Mann, der nun unter dem Namen Sam Bacile bekannt ist, habe er getroffen. Sein Name sei allerdings ein Pseudonym, so Klein im US-Magazin The Atlantic. "Er ist kein Israeli." Den wahren Namen kenne er aber nicht.

Die Nachrichtenagentur AP fand dann Nakoula Basseley Nakoula am Donnerstag in der Nähe von Los Angeles. Morris Sadek, ebenfalls ein konservativer koptischer Christ, hatte AP offenbar dessen Handynummer gegeben. Auf seiner Webseite hatte Sadek für den Film geworben. Nach Recherchen der Washington Post war Sadek es auch, der das Video mit arabischen Untertiteln versehen und Anfang September an Journalisten und Unterstützer in Ägypten geschickt hat.

In einem Telefonat erklärte Nakoula der AP, er sei für die Logistik hinter dem Film verantwortlich. Dass er hinter dem Pseudonym Sam Bacile steckt, gab er allerdings nicht zu. Auch der Regisseur des Films sei er nicht gewesen. Nakoula behauptete, nicht Bacile zu sein, ihn aber zu kennen.

Die Mobilnummer, die AP bekommen hatte, um den sich Bacile nennenden Filmmacher zu erreichen, führte aber zu derselben Adresse wie der von Nakoula.

Schauspieler wurden nachsynchronisiert

Tatsächlich scheint es möglich, dass Nakoula alias Sam Bacile der Produzent des Films ist, ein anderer aber Regie geführt hat. Doch wer? Auf einem Casting-Aufruf vom Juli 2011 für "Desert Warrior" - so der Arbeitstitel des Film während der Dreharbeiten in Los Angeles - steht der Name Alan Roberts.

"Der kannte sich mit grundlegenden Dingen nicht aus"

Das US-Blog Gawker hat mit zwei Männern gesprochen, die behaupten, Crew-Mitglieder während der Dreharbeiten gewesen zu sein. Sie sagen, Roberts sei kein weiteres Pseudonym Nakoulas'. Sie bestätigen: "Sam Bacile" habe sich einzig um die Logistik gekümmert, Roberts Regie geführt. Wenn auch offenbar sehr unprofessionell. "Der kannte sich mit den grundlegenden Dingen nicht aus", zitiert Gawker einen Schauspieler.

Möglicherweise hat "Sam Bacile" auch ihn über den Inhalt des Films getäuscht, so wie die Schauspieler. Große Teile des ursprünglichen Texts, den sie beim Dreh einsprachen, wurden jedenfalls nachträglich durch islamophobe Inhalte ersetzt. "Wir sind schockiert über die drastischen Änderungen des Skriptes und die Lügen, die allen Beteiligten erzählt wurden", heißt es in einer Stellungnahme von 80 Crew-Mitgliedern, aus der der Nachrichtensender CNN zitiert.

Gawker sprach mit einer Nebendarstellerin, die erklärte, man habe ihr bei den Dreharbeiten erzählt, an einem Film über das Leben im alten Ägypten mitzuwirken. "Das hatte überhaupt nichts mit Mohammed und nichts mit Muslimen zu tun", so Cindy Lee Garcia.

Schauspieler zeigen sich geschockt

Auch der TV-Fernsehsender al-Arabija hat mit zwei Schauspielern gesprochen. Beide distanzieren sich von dem Film. Als sie das Werk gesehen hätten, seien sie "geschockt" gewesen, Teil von etwas so "Schmutzigem und Ekelhaftem" zu sein. Eine der Schauspielerinnen, die laut al-Arabija anonym bleiben wollte, habe für einen Drehtag einen Scheck über 100 Dollar bekommen.

Das Haus von Nakoula Basseley Nakoula im Ort Cerritos im Großraum Los Angeles wird inzwischen von Journalisten belagert. Sie klopfen an die Tür, schauen in den Briefkasten, fotografieren die Einkäufe, die in dem in der Einfahrt geparkten Wagen liegen. Vor dem Gebäude ist ein Mikrofonständer aufgebaut.

Die Polizei ist vor Ort. "Wir haben eine Bitte erhalten und wir antworten darauf. Wir sind die Garanten der öffentlichen Sicherheit", sagte der Sprecher des Sheriffs von Los Angeles County.

Er machte weder Angaben dazu, wer die Behörden um Hilfe gebeten habe, noch zur genauen Art des Polizeischutzes. "Es gibt keinen Aufstand, kein Verbrechen." Der Grund für die Anwesenheit der Polizei sei vielmehr die Presse.

© Süddeutsche.de/mikö
Zur SZ-Startseite