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Produktpiraten:Polohemden für den Terror

Extremisten finanzieren sich durch gefälschte Markenartikel, warnt Interpol. Markenpiraterie muss demnach "als sehr ernstes Verbrechen mit Folgen für die öffentliche Sicherheit" gesehen werden.

(SZ vom 18.07.2003) - Der Feind lauert an der Strandpromenade. Unter einer aufgespannten Plastikplane verkauft er Handtaschen und Sonnenbrillen - große Marken für kleines Geld.

Oder er hat sein Sortiment auf einem Klapptisch in der Einkaufsmeile ausgebreitet: Polohemden mit Prestige-Logos auf der Brust.

Doch schon der Preis sagt dem Kunden, dass die Ware gefälscht sein muss.

Solche Produktpiraten zu schnappen, sei von den Polizeibehörden bisher nicht mit Vorrang verfolgt worden, sagt Ronald Noble. Doch das dürfte sich ändern, denn der Interpol-Chef hat die Verkäufer gefälschter Uhren, T-Shirts und CDs soeben zu Helfern des internationalen Terrorismus erklärt.

"Interpol schlägt Alarm, weil die Produktfälschung zu einer bevorzugten Einnahmequelle einiger terroristischer Gruppen wird", sagte Noble am Mittwoch vor einem Ausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses in Washington. Markenpiraterie müsse "als sehr ernstes Verbrechen mit Folgen für die öffentliche Sicherheit" gesehen werden.

Bei den Ermittlern bahnt sich eine härtere Gangart gegen die Fälscher an. Auch das Bundeskriminalamt in Wiesbaden hat eigenen Angaben zufolge nach den Anschlägen vom September 2001 erkannt, dass terroristische Gruppen "eine Vielzahl allgemeinkrimineller Delikte" begehen.

"Risiko klein, Profit groß"

Markenpiraterie sei besonders attraktiv, sagt Peter Lowe von der Internationalen Handelskammer (ICC) im englischen Barking, weil "das Risiko klein ist, der Profit groß."

Bisher können die Ermittler die Verbindung Terroristen - Fälscher nur mit Anekdoten untermauern. So haben sich der US-Bundespolizei FBI zufolge die Attentäter beim ersten Anschlag auf das World Trade Center in New York 1993 durch den Verkauf gefälschter T-Shirts finanziert.

Paul Carratu, Leiter einer internationalen Detektei im englischen Cheam, ist bei seinen Ermittlungen auf baskische und nordirische Gruppen gestoßen: Demnach kontrolliert die ETA den Handel mit gefälschten Handtaschen in südspanischen Touristengebieten, die katholische IRA und ihre protestantische Gegner von der UDF (Ulster Defense Force) hätten gefälschte Videofilme verkauft, unter anderem Disneys "König der Löwen".

Und Peter Lowe berichtet, die libanesische Hamas habe in Paraguay gefälschte CDs pressen lassen.

Diese Art von "Schattenglobalisierung", an der auch legale Firmen, etwa im Transportgewerbe, mitverdienen, ist typisch für die Markenpiraterie. Die meisten Produkte stammen aus Asien, vor allem aus China, Taiwan und Thailand.

Schaden von 360 Milliarden Dollar

Fünf bis sieben Prozent aller gehandelten Waren seien inzwischen gefälscht, schätzt die ICC. Bei CDs, Videos und Software soll der Marktanteil der Produktpiraten sogar 40 bis 50 Prozent erreichen. Den Schaden, der legitimen Herstellern entsteht, rechnete die Organisation für das Jahr 2001 auf 360 Milliarden Dollar hoch.

Wie viel Geld den Terror-Gruppen auf diese Weise zufließt, kann jedoch niemand sagen. Auch Ronald Noble hat in Washington keine Zahlen genannt.

Aber die Beteiligung terroristischer Gruppen an der Produktpiraterie sei groß: "Wenn man ein Al-Qaida-Mitglied mit solchen Waren erwischt, ist das so, als würde man eine Kakerlake oder eine Ratte in seinem Haus sehen. Es sollte reichen, die Aufmerksamkeit zu schärfen."

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