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Presseschau:Gleiche Rechte in Israel - oder nicht

Illu_Förderl-Schmid

Alexandra Föderl-Schmid berichtet aus Israel für die Süddeutsche Zeitung.

Immer noch diskutieren die Medien des Landes das gerade verabschiedete Nationalitätengesetz höchst kontrovers - und berichten breit über eine große Gay-Parade in Jerusalem.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Nirgendwo sonst in Israel prallen Gegensätze so sehr aufeinander wie in Jerusalem: Bis zu 35 000 Menschen haben am Donnerstag an der Gay-Parade in jener Stadt teilgenommen, die vielen als heilig gilt. Israelische Medien berichteten ausführlich darüber, auch über die Auseinandersetzungen, die der Parade vorausgingen. Mehr als 200 Rabbiner hatten einen Brief unterzeichnet, in dem Paradenteilnehmer als "Perverse" bezeichnet wurden.

Wie die Times of Israel schreibt, haben 75 liberale orthodoxe Rabbiner einen Gegenbrief verfasst, in dem es heißt: "Statt Hass lasst uns Liebe anbieten. Während andere erniedrigen, sollten wir uns um Gleichberechtigung bemühen!" In Israel herrscht im Vergleich zu anderen Ländern in der Region eine liberale Haltung zur Homosexualität vor, die aber von streng Religiösen nicht unbedingt geteilt wird. Vor drei Jahren hatte ein ultraorthodoxer Jude eine Teilnehmerin erstochen.

Die 17., bisher größte Parade in Jerusalem wurde dieses Jahr auch zu einer politischen Kundgebung gegen ein Gesetz, das homosexuelle Männer weiter davon ausschließt, Dienste einer Leihmutter in Anspruch zu nehmen. Premierminister Benjamin Netanjahu hatte sich für Änderungen ausgesprochen, dann aber doch dagegen gestimmt, um die ultraorthodoxen Koalitionspartner nicht zu verärgern.

Auch das Nationalstaatsgesetz verärgert weiterhin viele. Gescheitert ist Netanjahus Versuch, die Minderheit der Drusen, die sich als Araber betrachten und eine eigene Religionsgemeinschaft sind, mit einem eigenen Gesetz und finanziellen Förderungen von Protesten abzubringen. Das letzte Treffen endete mit einem Eklat, Netanjahu verließ den Raum.

Was sich davor zugetragen hat, darüber gibt es in den israelischen Medien am Freitag widersprüchliche Angaben. Zuerst wurde übereinstimmend berichtet, dass Drusenvertreter Alam Asad den Regierungschef bei dem Treffen Netanjahu persönlich angegriffen habe mit dem Vorwurf, den Staat Richtung Apartheid zu führen. Später übernahmen die meisten Medien die Version Asads, dass Netanjahu ihn attackiert habe. Der Ministerpräsident soll Asad dessen auf Facebook gepostetes Apartheid-Zitat vorgeworfen haben. Die Netanjahu nahestehende Gratiszeitung Israel Hayom präsentierte beide Varianten und behauptete, dass Asad mehrfach Netanjahu Apartheid-Rufe entgegengeschleudert habe.

Am deutlichsten positioniert sich die linksliberale Zeitung Haaretz gegen das Nationalstaatsgesetz, das Israel als jüdischen Staat definiert und nur Juden ein Selbstbestimmungsrecht zuerkennt. Die Hälfte der Titelseite nimmt am Freitag ein Beitrag des Schriftstellers David Grossman ein. Er findet fragwürdig, dass ihr verpflichtender Militärdienst die Begründung dafür ist, warum die Drusen Gleichbehandlung fordern. "Gleichbehandlung kann nicht der Preis für etwas sein, das Bürger für ihr Land leisten, sogar wenn sie ihr Leben einsetzen. Auch die Ultraorthodoxen, die den Wehrdienst verweigern, sind Bürger, die Gleichbehandlung verdienen." Am Samstag ist eine Protestkundgebung in Tel Aviv geplant, zu der Tausende erwartet werden.

© SZ vom 04.08.2018

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