Presseplätze für NSU-Prozess "Wie sagte schon Boris Becker: Drin ist drin."

Im ersten Akkreditierungsverfahren habe der Blick noch nicht so sehr auf den türkischen Medien gelegen. In der Rückschau hätte man vielleicht das Verfahren anders machen können. Nun hoffe er, dass endlich der eigentliche Prozess beginnen könne und die Hauptverhandlung nicht erneut durch Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht verzögert werde. Der Prozess soll nun am 6. Mai beginnen. Allerdings erwägen einzelne Medien, die im ersten Verfahren einen Platz ergattert hatten und nun rausfielen - etwa die Welt -, juristische Schritte.

Offensichtlich hat das Gericht erhebliche Sorgen wegen der Sicherheit im Saal. Es gebe mittlerweile 80 Nebenkläger, eine Dimension, die einmalig ist in der Bundesrepublik, sagte Huber. 350 Rechtsextremisten seien in Deutschland untergetaucht, und Sprengstoff sei auf dem Markt verfügbar. "Welches Fanal wollen Rechtsextremisten setzen? Ich will hier nichts herbeireden, aber wir werden vorbereitet sein."

324 Zeitungen, Agenturen, Radiosender und Fernsehanstalten mit mehr als 900 Journalisten hatten sich darum beworben, einen der raren Plätze im Gerichtssaal zu erhalten. Im ersten Durchgang waren es noch 129 Medien gewesen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hatte dem OLG München freigestellt, einfach drei zusätzliche Stühle für türkische Medien in den Saal zu stellen. Doch das Gericht ordnete eine völlig neue Platzvergabe an - diesmal sollte nicht die Schnelligkeit der Anmeldung entscheiden, sondern das Los. Ein Münchner Notar hatte die Lose gezogen, der frühere Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel war als Zeuge dabei - ein Mann, der über jeden Zweifel erhaben ist.

"Wir sind überglücklich."

Sabah-Korrespondent Rahmi Turan jubelte, als der Name seiner Zeitung genannt wurde. "Wir sind überglücklich. Wir haben gekämpft und wir haben gewonnen. Wie sagte schon Boris Becker: Drin ist drin. Wir werden jetzt mit großer Sorgfalt berichten."

Dagegen erklärte Vural Ünlü, Koordinator des türkischen Senders TRT, die Kriterien des Gerichts seien seiner Logik nicht zugänglich. "Aber wir werden nicht noch mal klagen, das würde keiner mehr verstehen." Allerdings wundere er sich über die mangelnde Sorgfalt des Gerichts, die sich durch das ganze Zulassungsverfahren ziehe. Das Gericht hatte den arabischen Sender al-Dschasira als türkisches Medium angesehen und akkreditiert.

Kritik regte sich auch daran, dass das Gericht für die mehr als 300 Zeitungen in Deutschland nur acht Plätze reserviert hatte. Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitungsverleger, sagte: "Gerade Gerichtsverfahren müssen einer großen Kontrolldichte unterliegen, das gilt insbesondere in einem Fall wie diesem, der im In- und Ausland auf hohes öffentliches Interesse stößt. Es darf deshalb nicht Schule machen, dass die Berichterstattung über ein solches Verfahren zum Glücksspiel wird. Wenn künftig die Behinderung der Presse bei Gerichtsverfahren im Ausland kritisiert wird, müssen wir in Deutschland erst einmal vor der eigenen Türe kehren."

taz-Chefredakteurin Ines Pohl schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter umgehend, man prüfe, ob man gegen die Platzvergabe klage, um eine Videoübertragung für Journalisten zu erwirken. Auch die FAZ prüft rechtliche Schritte. Von der Welt hieß es: "Wir erwägen eine juristische Klärung." Der stellvertretende Chefredakteur der Zeit, Bernd Ulrich, sagte: "Mit dieser Regelung hat das Gericht glücklicherweise viele türkische Leser hinzu gewonnen, aber Millionen deutsche Leser ausgesperrt." Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer des NSU-Terrors, Barbara John, warnte vor neuen Klagen in Karlsruhe. "Der Prozessauftakt darf nicht erneut verschoben werden. Das würde das Vertrauen der Opferangehörigen in den deutschen Rechtsstaat endgültig zerstören", sagte sie den Kieler Nachrichten.