bedeckt München 16°

Presse-Echo auf Wulff-Interview:"Ein Satz fehlte noch: 'Ich liebe meine Frau'"

Lübecker Nachrichten: "Zu erleben war ein dreigesichtiger Präsident: Einer, der nichts Unrechtes getan haben will, aber eigene schwere Fehler einräumt. Der nächste Wulff heischte geschickt um Mitleid angesichts einer Presse, die privateste Dinge ans Licht zerre und selbst gute alte Freundschaften in ein schiefes Licht rücke. Der dritte Wulff gab sich zum Ausklang kämpferisch. Vor Schwierigkeiten werde er nicht davonlaufen, sondern sie annehmen und meistern. Keine Frage: Diese gut dosierte Mischung wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Reihen hinter Wulff werden sich wieder schließen, jedenfalls die der Koalition. Als oberster Repräsentant des Staates braucht Wulff den Respekt und das Wohlwollen des Volkes. Beides ist arg geschrumpft."

Neue Presse (Hannover): Wer vielleicht hoffte, mit diesem Interview kehre Ruhe ein, der wird enttäuscht werden. Viele Fragen um Kredite und Gratis-Besuche sind noch offen und es droht, dass weitere Details ans Tageslicht gespült werden. Wulff verspricht, alle seine Kraft dem Amt zu widmen. In Wahrheit wird er den Rest seiner Karriere darauf verwenden müssen, sich zu rehabilitieren. Alles, was Wulff von nun an als Bundespräsident tut, wird in erster Linie ihm dienen.

Financial Times Deutschland (Hamburg): "Schloss Bellevue verkommt zum Gespensterschloss. Sein Herr ist von allen guten Geistern verlassen. Was Christian Wulff in seinem Gnadengesuch bei ARD und ZDF von sich gegeben hat, beendet den bösen Spuk namens 'Kreditaffäre' nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Denn nach dem Auftritt Wulffs werden sich diejenigen, die den Bundespräsidenten aus dem Amt jagen wollen, bestätigt sehen, dass er für den Posten nicht taugt. Und diejenigen, die noch an ihn glaub(t)en, werden vom Glauben abfallen oder sind es schon."

Nürnberger Zeitung: "Nun muss er mit der Bürde des Amtes und wir weiter mit ihm leben. Passieren darf jetzt nichts mehr. Und das ist vielleicht das Schlimmste, was einem Politiker widerfahren kann; dass er seine Unbefangenheit verloren hat; dass er jedes Wort, jeden seiner Schritte, abwägen muss, um ja nicht mehr in ein Fettnäpfchen zu tappen. Worauf nicht nur Kabarettisten warten werden. Wahrscheinlich wird man schon Schmunzeln müssen, wenn in seinen Reden künftig das Wortpaar 'rechtens' und 'richtig' vorkommt."

Rhein-Zeitung (Koblenz/Mainz): "Wulff selbst hat mit seinem Handeln und seiner verfehlten Krisenpolitik eine Staatsaffäre heraufbeschworen. Wie will er bei kommenden Krisen glaubhaft Leitlinien setzen? Vorbild sein? Hoffnung geben? Selbst wenn Wulff im Amt bleibt, wird er es jetzt erst recht nicht mehr ausfüllen können. Deutschland steht dann de facto ohne Bundespräsidenten da. Nachdem es bereits ohne Außenminister auskommen muss und die Kanzlerin durch die Schuldenkrise auf EU-Ebene gebunden ist, stellt sich langsam die Frage: Wie lange kann das Land die dogmatische Parteienpolitik von Schwarz-Gelb noch ertragen?"

Berliner Morgenpost: "Ein Satz fehlte noch: 'Ich liebe meine Frau'. Mit diesem Klassiker hat Kanzler Schröder einst im TV-Duell gesiegt. Ansonsten hat der Bundespräsident überraschend viel richtig gemacht in einem historischen Moment. Demut, Mitleidsheischen und dosierte Gegenwehr - mit einem knapp an der Fremdschämerei vorbeigeknisterten Emotionsauftritt hat Wulff beileibe nicht alle Vorbehalte ausgeräumt, sich zumindest aber Luft verschafft. Ein Feuerwerk der Fehler versuchte er in eine Opfer- und Heldenarie umzudeuten. Fazit nach 25 Minuten Staatstheater: Wulff will bis 2015 im Schloss Bellevue bleiben. Weil die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende kein Interesse zeigt, ihren Mann zu entfernen, könnte dem Wackelpräsidenten am Mittwochabend ein Befreiungsschlag gelungen sein - sofern nicht neue Vorwürfe auftauchen."

Fränkischer Tag (Bamberg): "Auf Schloss Bellevue wird fortan der Inhaber eines Amtes residieren, aber kein Bundespräsident vom Format Heuß, Weizsäcker oder Herzog. Dass Wulff nicht aus Bellevue ausziehen will, ist menschlich verständlich. Für das Land, das dringend einer unangefochtenen moralischen Instanz bedürfte, ist es ein Desaster."

Wetzlarer Neue Zeitung: "Das soll es nun gewesen sein. Ein Interview zur allerbesten Sendezeit auf den beiden Hauptkanälen des deutschen Fernsehens. Und abermals eine Entschuldigung. Am Freitag dann empfängt der Präsident die Sternsinger im Schloss Bellevue - als wäre nichts gewesen. Aber war da nicht was? Das ist die Frage, die Christian Wulff von nun an in seinem Amt begleitet. Ganz gleich, was er sagt. Ob zur Solidarität in der Gesellschaft, ob zur Notwendigkeit des Sparens, ob zu den Grundrechten, ob zur Integrität von Politikern, ob zur Aufrichtigkeit im Allgemeinen. Stets wird die die Frage kommen: War da nicht was?"

Zeit Online (Hamburg): "Eine Entschuldigung funktioniert nur, wenn sie freiwillig ist. Bundespräsident Christian Wulff hat den Eindruck aufrichtiger Reue gleich zu Beginn seiner gestrigen TV-Abbitte geschmälert, als er sagte, er habe nie daran gedacht zurückzutreten. Die Schuldeingeständnisse, die er in den Minuten danach folgen ließ, hatten nichts von Freiwilligkeit, sondern hinterließen den Eindruck, erzwungen zu sein - der Preis eben, den er für seinen Amtsverbleib zahlen muss."

Ostthüringer Zeitung (Gera): "Wer kann Christian Wulff heute noch ernst nehmen, wer ihm vertrauen? Er wird sich durch seine Amtszeit schleppen, weil die, die ihn stützen, die Konsequenzen einer vorzeitigen Neuwahl scheuen. Das ist, ganz klar, keine gute Nachricht."

Trierer Volksfreund: "Es ist die eigentliche Aufgabe des Bundespräsidenten, durch die Macht des Wortes und des eigenen Vorbildes die Akzeptanz in die Institutionen des Staates zu festigen. Wie aber soll das gehen, wenn der Amtsinhaber als Schnorrer, Heuchler und Täuscher angesehen wird? Wenn er in den Internetforen zur Schießbudenfigur geschrumpft ist und ihn auch die Elite des Landes nicht mehr achtet? Bei der nächsten 'großen' Rede dieses Präsidenten, zu welchem Thema auch immer, werden sie alle innerlich grienen, die im Saal und die an den Bildschirmen draußen. Wulff wird lange brauchen, um dieses Image wieder wegzureden. Aber er weiß ja nicht einmal, worüber er reden soll."