
Eine schmale, junge Frau mit einer allumfassenden Traurigkeit in einem aschgrauen Gesicht. Das ist der erste Eindruck, den man im Gespräch von Nadia Murad gewinnt. Und diesen Eindruck wird niemand so schnell los. Man saß vor zwei Jahren mit ihr auf einer Wiese in einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Sie fühle sich unendlich alt, sagte sie damals, jeder Teil ihres Körpers, jede Haarsträhne habe sich verändert in den drei Monaten, in denen sie von einem Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vergewaltigt, verprügelt und gedemütigt wurde. Heiraten, eine Familie gründen? "Das schließe ich aus."
Den Namen der baden-württembergischen Stadt darf man nicht verraten, schon das ist ein Teil ihrer Geschichte. Eine Geschichte, für die sie am Freitag mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, zusammen mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege. Murad zählt zu einem Sonderkontingent von tausend Jesidinnen, die das Land Baden-Württemberg aus dem Nordirak holte, um ihnen Schutz und Traumatherapie zu gewähren. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte die Initiative ergriffen, nachdem ihm eine jesidische Delegation vom Leiden der Frauen erzählt hatte, die in die Hände des IS gefallen waren. Von Versklavung und Vergewaltigung. In der baden-württembergischen Landespolitik hielten viele Kretschmanns Vorstoß zunächst für eine Show. Nun, mit dem Friedensnobelpreis für Murad, erhält die Initiative umso mehr Beachtung.
Mindestens 47 Kriegsparteien übten laut UN im Jahr 2017 sexualisierte Gewalt aus
Der Friedensnobelpreis würdigt in diesem Jahr "Anstrengungen, der sexuellen Gewalt als Kriegswaffe ein Ende zu bereiten", wie die Vorsitzende des Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen, am Freitag in Oslo sagte. Das ist der gemeinsame Hintergrund, der die Jesidin Nadia Murad und den kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege verbindet. Mukwege hat Tausende Frauen behandelt, die Opfer von Vergewaltigungen wurden, begangen von Soldaten und Milizionären in der Demokratischen Republik Kongo.
Für Murad änderte sich mit dem Umzug nach Deutschland scheinbar alles. Von der "Sexsklavin" des IS zur Nobelpreisträgerin, weltweit tätig als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Opfer von Menschenhandel und in aller Welt bekannt als Aktivistin für geknechtete Frauen, unterstützt von George Clooneys Frau Amal, einer Menschenrechtsanwältin: Es klingt wie ein Märchen, aber in Wahrheit ist Nadia Murads Geschichte nach wie vor ein Albtraum. Das Dorf im Sindschar-Gebirge, in dem sie aufgewachsen war, wurde im August 2014 vom IS überfallen. Ihre Mutter und sechs Brüder wurden getötet, 40 Mitglieder der Familie verloren ihr Leben, viele wurden verschleppt. Sie selbst wurde in Mossul an einen IS-Kämpfer verkauft. "Frau in der rosa Jacke, steh auf für mich!", sagte der Mann. Nach drei Monaten gelang ihr die Flucht. Ende 2015 erzählte sie ihre Geschichte vor dem Sicherheitsrat der UN. Bilder davon gingen um den Globus.
Sie sei als Kind eine begnadete Erzählerin gewesen, sagte sie damals beim Gespräch auf der Wiese. Nun habe sie eben ihre Bestimmung darin gefunden, von dem Grauen zu erzählen, das sie erlebt habe, immer wieder. Um die Welt aufmerksam zu machen auf das Schicksal der Jesiden, einer religiösen Minderheit, die der IS auslöschen wollte. Um die Bestrafung der Täter zu fordern. Nadia Murad hat mehrmals Drohungen erhalten. Der IS, so heißt es, betrachte sie immer noch als ihr Eigentum.
Mittlerweile hat sich Nadia Murad verlobt, mit einem in den USA lebenden Jesiden. Menschen, die sie gut kennen, sagen: Sie habe sich stabilisiert. Kann die Zeit selbst Wunden heilen, wie sie dieser Frau zugefügt wurden?
Was Murad erlebt hat, ist international geächtet - und dennoch weit verbreitet. Laut den Vereinten Nationen übten allein 2017 mindestens 47 Kriegsparteien, meist nicht staatliche Gruppen, systematisch sexualisierte Gewalt im Zuge von Konflikten in 13 Ländern aus. Menschenrechtsorganisationen halten diese Zahlen sogar für deutlich zu niedrig. UN-Generalsekretär António Guterres sagte bei der Vorstellung des UN-Berichtes für 2017: "Vergewaltigung und sexuelle Gewalt sind Taktiken des Kriegs und Terrorismus, die strategisch genutzt werden, Menschen zu demütigen, zu erniedrigen und zu zerstören." Oft würden sie als Mittel für ethnische Vertreibungen eingesetzt. Opferzahlen benennen die UN nicht, aber sie warnten während der Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya durch das Militär in Myanmar, die Gewalt habe Ausmaße erreicht, die "schlimmer sind als alles, was wir zuvor gesehen haben". Alleine die Schergen des IS nahmen 7000 Frauen fest und missbrauchten sie als Sexsklavinnen.
Vergewaltigungen und andere sexuelle Übergriffe gelten für Psychologen als schwerste Traumatisierungen der Opfer. Aber sie haben Folgen weit darüber hinaus: Die Opfer, meist Frauen und Mädchen, aber zunehmend auch Männer und Jungen, werden in vielen Fällen stigmatisiert, ihre Gesundheit ruiniert, der Zusammenhalt und das soziale Gefüge ganzer Gesellschaften auf Generationen zerstört.
Das sind die Folgen, die Denis Mukwege immer wieder erleben muss, Folgen, gegen die er seit Langem ankämpft. Manchmal sitzt Mukwege dann abends im Büro und weint, er fragt sich in diesen Momenten, warum die Welt so ist, wie sie ist, im Osten des Kongo. Er fragt sich, wie lange er das noch aushält. Seit fast zwanzig Jahren ist Mukwege, 63, Chefarzt des Panzi-Krankenhauses in Bukavu, einer Millionenstadt am Kivusee. Die Landschaft dort erzählt wenig über die Grausamkeiten, die hier geschehen, es sieht aus wie in der Schweiz, ein herrlicher See, grüne Hügel mit grasenden Kühen. Seit Jahrzehnten tobt hier ein furchtbarer Krieg, kämpft eine fast unüberschaubare Zahl von Milizen, Terrorgruppen und Armeesoldaten um die vielen Bodenschätze. Es ist ein Krieg, der mit Waffen geführt wird, aber auch mit Vergewaltigungen, der "billigsten Form der Kriegsführung", wie Mukwege sagt.
Die Opfer kommen zu ihm in die Klinik, ein nicht enden wollender Strom schwer traumatisierter Frauen und Kinder. Mit sexuellem Verlangen hätten die Taten nichts zu tun, sagt der Arzt. "Es geht um Zerstörung." In der Klinik hat Mukwege mehr als 40 000 Frauen behandelt, versucht, die Zerstörungen, die ihnen angetan wurden, zu heilen. Er hat das Panzi-Krankenhaus aufgebaut, mit internationaler Hilfe zu einem gut ausgestatten Hospital gemacht. "Arzt ohne Grenzen" wird Mukwege genannt, weil er an seine Grenzen geht und darüber, weil er nie eine Patientin abweist. "Jemand muss diesen Wahnsinn doch einmal stoppen", sagte er der SZ einmal.
Am Anfang wusste Mukwege nicht, warum das alles passiert, warum Frauen zu ihm kommen, denen Unaussprechliches angetan wurde. Dann erkannte er das System: Dass die Vergewaltigungen auf Befehl erfolgen, Teil des Krieges sind oder "genitaler Terrorismus", wie er es nennt.
Seit Jahren gilt Mukwege wegen seines Einsatzes als Favorit für den Nobelpreis, wohl wenige Menschen haben so viele Auszeichnungen bekommen wie er: Sacharow-Preis, Alternativer Nobelpreis, Afrikaner des Jahres, Olof-Palme-Preis. Mukwege nimmt sie mit gemischten Gefühlen entgegen, weil er weiß, dass die vielen Preise auch das Gewissen der sogenannten internationalen Gemeinschaft beruhigen. Letztlich aber ist der Krieg dort ein vergessener.
Mukwege verlangt, die Verantwortlichen endlich zu bestrafen. Auch das verbindet ihn an diesem Tag mit Nadia Murad und mit dem Nobelkomitee. Denn, wie deren Vorsitzende Reiss-Andersen sagte: Man wolle die Botschaft aussenden, dass Frauen als Waffe im Krieg benutzt würden, dass sie Schutz brauchten und "dass die Täter bestraft werden müssen".