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Prantls Blick:Fritz Gerlich - ein journalistischer Märtyrer

Fritz Gerlich war von 1920 bis 1928 Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten.

(Foto: DAH)

Der Journalist wurde von den Nazis umgebracht, weil er die Pressefreiheit zu dem Zwecke nutzte, für den sie da ist: die Würde des Menschen zu schützen. Jetzt will ihn die katholische Kirche selig sprechen.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Innenpolitik der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Vielleicht ist Ihnen die Zeile noch nie wirklich aufgefallen. Unter dem Schriftzug "Süddeutsche Zeitung" auf Seite 1 unseres Blattes finden Sie den Untertitel "Neueste Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport"; jahrzehntelang stand da "Münchner Neueste Nachrichten". Der Untertitel erinnert an eine Zeitung, die 1848 in München gegründet worden ist: Im Kaiserreich waren die "Münchner Neueste Nachrichten", MNN, eine der führenden liberalen Zeitungen in Deutschland; mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurde das Blatt deutlich konservativer; 1919 war es für kurze Zeit das Organ des Revolutionären Zentralrates der Münchner Räterepublik; dann färbte es sich katholisch-monarchistisch, war aber sehr hitlerkritisch; von der Unternehmensleitung wurde die Zeitung auf NSDAP-Kurs gedrängt - was aber, bis zu Hitlers Machtergreifung, an der Redaktion scheiterte.

Die braune Umwandlung der Zeitung scheiterte vor allem an einem Mann namens Fritz Gerlich: Er war von 1920 bis 1928 Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten; dann wurde er Chefredakteur der katholischen Zeitung "Der gerade Weg", die laut und eindringlich vor Hitler warnte. Gerlich tat das unter anderem mit dem prophetisch-düsteren Satz: "Nationalsozialismus heißt Lüge, Hass, Brudermord und grenzenlose Not." Gerlich wurde sofort nach deren Machtergreifung von den Nazis gefangen genommen, gefoltert und in der Nacht zum 1. Juli 1934 ermordet.

Seligsprechung des großen Hitler-Gegners

Dieser Mann soll heute im Mittelpunkt meines Newsletters stehen, aus einem seltenen, ja einmaligen Anlass, aus einem bemerkenswerten, spektakulären Grund: Die Katholische Kirche will diesen Journalisten "selig" sprechen. Zur Aufklärung für Nichtkatholiken und Nichtgläubige: Das ist so eine Art Vorstufe zur Heiligkeit, eine Art christliche Gesellenprüfung, der dann die Meisterprüfung folgen kann; der Journalist Fritz Gerlich wäre dann ein Heiliger.

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Am kommenden Samstag beginnt jedenfalls mit einem Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom das Verfahren zur Seligsprechung des Fritz Gerlich. Die Seligsprechung führt dazu, dass ein Mensch in den Kirchen öffentlich verehrt werden darf.

Gerlich, Tucholsky, Ossietzky

Der Historiker Hans Mommsen schrieb einmal in einer kraftvollen Analyse über den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland: "Nicht überlegene Manipulation und Herrschaftstechnik, sondern mangelnde Widerstandskraft der deutschen Gesellschaft gegen die Zerstörung der Politik" sei die entscheidende Ursache für die deutsche Katastrophe gewesen. Fritz Gerlich wollte diesen Widerstand mobilisieren, er wollte diese Widerstandskraft wecken. Es gelang ihm nicht. Es gab nicht viele seinesgleichen. Und die, die es noch gab, standen in anderen politischen Lagern - Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky zum Beispiel. Das ist die Tragik des Widerstands, auch des publizistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus: Der Widerstand fand nicht zueinander - oder viel zu spät, erst in den Mordlagern der Nazis.

Fritz Gerlich war ein Gewissen seiner Zeit. Er war ein Gewissen in einer Zeit der Gewissenlosigkeit. Dazu noch einmal Hans Mommsen, der in seinen Analysen zum NS-Staat geschrieben hat: "Die große Masse der Staatsbürger war bereit, dem Kabinett Hitler einen Vertrauensvorschuss einzuräumen, was sich bald als verhängnisvoll erwies. Die Vorstellung, das System von innen reformieren zu können, hielt sich auch bei den oppositionellen Gruppen ungewöhnlich lang." Gerlich hatte eine solche Illusion nie. Viele Kritiker im bürgerlichen Widerstand lehnten Hitlers innenpolitische Methoden ab, stimmten aber in manchen außen- und militärpolitischen Zielsetzungen überein, weil ihnen die Werte "Freiheit" und "Menschenwürde" weniger galten als die Hoffnung auf eine Großmachtstellung Deutschlands. Gerlich war anders; er ließ sich nicht einwickeln, nicht umgarnen, nicht korrumpieren.