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Prantls Blick:Rechthaberismus an Weihnachten

Coronavirus - Baden-Württemberg

An einem Weihnachtsbaum hängt Weihnachtsschmuck in Form eines Weihnachtsmannes, der eine Maske trägt.

(Foto: dpa)

Das Virus befällt nicht nur Menschen, es vergiftet auch das gesellschaftliche Klima. Wie zu Corona-Zeiten ein verantwortlicher Mut aussehen könnte.

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Meine Lieblingsfigur an Weihnachten 2020 ist ein Mann, der ganz nah an der Krippe steht, der aber kein Wort sagt. Auf vielen Darstellungen hat er eine Laterne in der Hand, er sorgt also dafür, dass Licht auf die Szenerie fällt, dass man sieht, was passiert. Aber er redet nichts. Er ist die Anti-Figur zu denen, die sich seit Monaten täglich in Sachen Corona zu Wort melden und "Fürchtet euch!" rufen.

Die Rede ist von Josef. Er ist zwar eine der Hauptfiguren in der bekanntesten Geschichte der Welt. Aber in der ganzen Bibel ist kein einziges Wort aus seinem Mund überliefert. Das gefällt mir in diesem Jahr besonders. Der Mann könnte ein Vorbild sein in den Zeiten der pandemischen Überinformation. Der Josef beleuchtet zwar die Dinge und rückt sie ins richtige Licht - aber er zerredet sie nicht, er macht sich nicht wichtig. Er praktiziert den verbalen Lockdown an sich selbst.

Die Weihnachtserzählung beginnt mit einer Zählung. Der Gottkaiser Augustus, so die Legende, befiehlt allen Bewohnern seines Reiches, sich in ihren jeweiligen Geburtsorten registrieren zu lassen; es geht ihm dabei um die Festsetzung der Steuern - und er setzt damit die ganze Welt in Bewegung. Alle Menschen des römischen Imperiums sollen erfasst werden. Jeder wird zur Nummer, der Kaiser lässt zählen: Da zählt nicht, ob einer den Weg schafft. Da zählt nicht, ob eine Frau ein Kind bekommt. Da zählt nicht, ob eine Familie eine Herberge findet. Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit der Erfahrung: Was du brauchst, zählt nicht. Was du willst, zählt nicht. Was du kannst, zählt auch nicht. Du zählst nicht! Das ist die Macht der Zahl.

Die Macht der Zahlen

Wir begreifen in diesen Tagen wieder, wenn auch auf ganz andere Weise, was es bedeutet, der Macht der Zahl ausgeliefert zu sein: Wie viel Infizierte? Wie viel Erkrankte? Wie viele Tote? Wie viele Intensivbetten? Wie viele Masken? Wie viele Beatmungsgeräte? Wie ist die Reproduktionszahl? Wie ist die Inzidenzzahl? Wie ist die Fallzahl? Die Verlesung der Zahlen ist wie früher die Lesung der Messe.

Die Veröffentlichung und Bekanntgabe der Zahlen steht am Anfang eines jeden Tages, an seinem Ende auch. Die Corona-Zahlen sind Alpha und Omega. Und oft kapiert man gar nicht mehr recht, welche Zahl denn jetzt zählt. Die Zahlen und Zählungen haben uns im Griff. Sie bestimmen den Alltag, sie verändern ihn, sie diktieren ihn. Sie erzwingen nicht, wie in der Weihnachtsgeschichte, die große Mobilität; sie erzwingen die Immobilität. Die Menschen sollen bleiben, wo sie sind. Die Menschen sollen sich möglichst wenig bewegen, sie sollen möglichst keine Kontakte haben.

Manchmal ist man niedergestreckt von der Gewalt der Corona-Zahlen und denkt sich: Ich weiß nicht mehr, was richtig ist. So ergeht es in den Tagen vor Weihnachten auch den Kirchen, so ergeht es den Bischöfen, den Geistlichen und den Kirchengemeinden - die entscheiden müssen, ob und wie sie mit Gläubigen und Nichtgläubigen Weihnachten feiern, ob und welche Gottesdienste sie anbieten.

In den Landeskirchen der Protestanten gibt es die größere Vorsicht, die westfälische empfiehlt sogar durchweg alle Präsenz-Gottesdienste während der Weihnachtszeit und darüber hinaus abzusagen, und zwar sowohl in den kirchlichen Innenräumen, als auch an freier Luft; man will sich auf das digitale Feiern und die Hausandacht daheim beschränken. In der katholischen Welt will man die Gottesdienste nicht nur digital, sondern möglichst analog, in den Kirchen und draußen abhalten - natürlich unter Einhaltung von striktesten Hygieneregeln, mit Mundschutz und Abstand also, mit Summen statt Singen.

Null oder Eins

Im Streit um die Weihnachtsgottesdienste spiegelt sich die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung um Corona. Es gibt hier nur noch Null oder Eins, richtig oder falsch, verantwortungsvoll oder verantwortungslos; es gibt keine Zwischentöne.

Es gibt einen Corona-Fundamentalismus in jeder Richtung, einen Rechthaberismus sondergleichen. Zu beobachten ist eine fast giftige Auseinandersetzung, bei der sich jeder im Recht wähnt und jeder seine Entscheidung für die einzig verantwortliche und verantwortbare hält. Das Virus befällt nicht nur Menschen, es vergiftet auch das gesellschaftliche Klima. Mir ist bei einer Haltung unwohl, die so tut, als sei das Virus die Neuausgabe einer archaischen Gottheit, die man durch symbolhafte Opfergaben und Verzichtsgehorsam befriedigen muss. Es geht nicht um Symbole, es geht nicht um Signale, die von einem Handeln ausgehen; es geht um die Frage: Was verhindert wirklich die Verbreitung des Virus?

Ein Gottesdienstverbot offenbar nicht, wenigstens nicht nach Ansicht der Wissenschaftsakademie Leopoldina. Sie hat am 8. Dezember den harten Lockdown gefordert und einen Katalog von massiven Maßnahmen, das heißt von notwendigen Schließungen und Beschränkungen für die kommenden Wochen aufgestellt; die Weihnachtsgottesdienste kommen darin nicht vor, nicht weil sie vergessen wurden, sondern weil die Wissenschaftler das nicht für notwendig hielten.

Verängstigter Rückzug

Beim Streit um die Weihnachtsgottesdienste ist es so: Diejenigen, die rundweg auf alle Präsenz-Gottesdienste verzichten wollen, berufen sich dabei auf Verantwortung den Menschen gegenüber und erklären mit maximaler Moral: "Wir können nicht Weihnachten feiern und Menschenleben riskieren." Die anderen, die solche Gottesdienste in vorsichtiger, in nicht gefährdender Form, feiern wollen, angepasst an die örtlichen Gegebenheiten, verweisen auf die Weihnachtsbotschaft "Fürchtet Euch nicht" und gleichfalls auf ihre Verantwortung den Menschen gegenüber. Sie wollen sich nicht einfach verängstigt zurückziehen, sie wollen nicht, dass sich Resignation ausbreitet; sie plädieren für "verantwortlichen Mut".

Ich habe bereits vor einigen Monaten keinen Hehl daraus gemacht, dass mir ist diese Haltung lieber ist, weil in der Pandemie Ermutigung und Trost wichtig sind. Wenn es nur noch Rückzug gibt, leidet die Hoffnung, leidet das Vertrauen, leidet der Zusammenhalt, der dringend nötig ist. Weihnachten ist eine Gelegenheit, Kraft zu schöpfen und sich gegenseitig zu stärken. Es geht um verantwortlichen Mut.

© SZ/dit
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