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Prantls Blick:Wo bleibt die Frauenpower?

Siehe Manuela Schwesig: Sie hatte in Frank-Walter Steinmeier, dem jetzigen Bundespräsidenten, einen Förderer, bekam ihre Rollen zugewiesen; als erste Rolle war es die im Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten Steinmeier zur Bundestagswahl von 2009. Schwesig hat ihre Rollen gut ausgefüllt. Und nun? Warum tritt sie nicht als Kandidatin für den Vorsitz an? Weil sie Ministerpräsidentin ist? Das wird sie nicht mehr lange sein, wenn es mit der SPD so weitergeht. Warum dann nicht für die SPD an vorderer Stelle kämpfen? Schwesig befürchtet ganz einfach, dasselbe Schicksal wie Nahles zu erleiden.

Und Franziska Giffey, die beliebte jetzige Bundesfamilienministerin? Sie ließ sich von der universitären Überprüfung ihrer Doktorarbeit, die sich skandalös lange dahinzieht, den Schneid abkaufen - statt alles auf eine Karte zu setzen und zu kandidieren. Wo bleibt da die Frauenpower? Mit ihr und dem Abbau der Männerdominanz ist es in der SPD immer noch nicht so gut bestellt.

Ist da der Doppelpack eine Chance? Vielleicht. Aber es sieht derzeit noch sehr aus nach "Promigenosse sucht Frau". So war es auch beim Kandidaten Olaf Scholz, dem Bundesfinanzminister, der dann auf Klara Geywitz kam, die frühere SPD-Generalsekretärin in Brandenburg; die ist eine spannende Frau, die schon als Nachfolgerin des amtierenden SPD-Ministerpräsidenten Dietmar Woidke gehandelt wurde und wird.

Warum eine Frau nur im Doppelpack mit einem Mann? Wie wäre es mit einer Genossin, die solo und selbstbewusst kandidiert? Gesine Schwan, zweimalige Kandidatin der SPD für das Amt der Bundespräsidentin, nominiert dafür jeweils in wenig aussichtsreicher Lage und dennoch kampfeslustig, hätte es fast vorgemacht, aber sie ist mit 76 Jahren nicht mehr die Frau, die für die Zukunft der SPD steht; und auch sie wurde dazu gebracht, sich einen Mann, nämlich Ralf Stegner, an die Seite zu stellen.

Eine weibliche Doppelspitze wäre etwas wirklich Neues

Zu Beginn der achtziger Jahre, vor vierzig Jahren also, in einer Zeit, in der die Gewerkschaften für die 35-Stunden-Woche kämpften, diskutierte der linke, den Gewerkschaften zugeneigte Philosoph Oskar Negt einmal mit dem katholischen Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning. Dieser sagte ihm: "Junger Freund, Sie kämpfen für 35 Stunden in der Woche. Dabei wären zehn Stunden völlig ausreichend, wenn die Menschen vernünftig mit ihren Ressourcen umgingen." Zehn Stunden pro Woche, so sagte der katholische Denker, wären völlig ausreichend.

Das war, deshalb erwähne ich das, schon die Vorstellung von August Bebel, dem Arbeiterkaiser, der in den Anfängen der SPD ihr Chef war. Er verband seine Vorstellungen von der Zukunft der Arbeitsgesellschaft mit der umfassenden Gleichberechtigung der Frau, also der gleichberechtigten Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in Beruf wie Gesellschaft. Die Utopien von gestern sind heute nicht falsch geworden; sie müssen aber angesichts neuer Herausforderungen neu gedacht werden.

Die SPD muss den Mut haben, so mutig zu denken, wie Bebel einst gedacht hatte. Es geht nicht darum, Ideen aus dem 19. Jahrhundert in altem Gewand wieder aufzulegen. Es geht darum, mit dem Mut und der Ideenkraft, die Leute wie Bebel ausgezeichnet haben, Politik zu machen. Solchen Mut darf man der SPD wünschen. Er wird ihr und der deutschen Politik guttun. Malu Dreyer, die kluge Ministerpräsidentin aus Rheinland-Pfalz, hat, wohl nicht zuletzt ihrer MS-Krankheit wegen, eine Kandidatur für den Parteivorsitz abgelehnt. Aber vielleicht könnte sie es, zusammen mit einer anderen Frau, zum Beispiel mit Manuela Schwesig, doch machen. Warum wird eigentlich nur über eine gemischte Doppelspitze geredet? Bebel würde heute sagen: "Wir müssen das doch nicht den Grünen nachmachen. Lasst doch mal zwei Frauen ran." Eine weibliche Doppelspitze wäre etwas wirklich Neues.

© SZ.de/dit
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