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Prantls Blick:Jeder braucht sein Nest

A little girl touches her living room window. Garden City South, New York, USA. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY CR_FRRU1

Der Prophet Jesaja stellt uns Gott nicht als König vor, nicht als Vater, nicht als Hirten, nicht als Befehlshaber einer Schar von Engeln; sondern als Frau, als Mutter - als Mutter, die tröstet.

(Foto: Francesca Russell/Imago)

Ostern 2020: Wie man in all der Unruhe wieder zur Geborgenheit kommt. Und wie man die Gesellschaft wieder geraderückt.

Von Heribert Prantl

Ostern ist heuer ein anderes Ostern als sonst; prekärer, bedürftiger, kleiner. Von Auferstehung ist nicht so viel zu spüren. Das Ostern 2020 ist daher auch eine Einladung, sich die Gottesbegegnung einmal ganz anders vorzustellen, nämlich so: "Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Dieser Satz über Gott stammt vom Propheten Jesaja. Er stellt uns Gott nicht als König vor, nicht als Vater, nicht als Hirten, nicht als Befehlshaber einer Schar von Engeln; sondern als Frau, als Mutter - als Mutter, die tröstet. Es ist dies eine faszinierende Vorstellung: Die Mutter hat uns geboren, sie hat uns erzogen, sie hat uns begleitet, sie hat uns gehen und wiederkommen lassen. Nicht jeder hatte eine tröstende Mutter. Meine Mutter war so eine tröstende Frau. Wer eine solche Mutter hat oder hatte, der weiß, welch wunderbare Vorstellung es ist, sich Gott, so es ihn gibt, so man daran glauben kann, als tröstende Mutter vorzustellen.

Eine Gottheit, die Lateinvokabeln abfragt

Die Mutter hat mir das Einmaleins beigebracht, sie hat die Englisch- und Lateinvokabeln abgefragt, sie hat mit mir und meinen Geschwistern gebetet, sie hat geschimpft; sie saß am Bett, wenn wir krank waren, sie hat uns die Tränen abgewischt. Und sie war dann auch wieder für uns da, als wir älter wurden und sie schon alt war; sie ist und war da in den Krisen unseres Lebens.

Eine schöne Vorstellung: ein Gott, eine Gottheit, die Lateinvokabeln abfragt, die uns umarmt, die Tränen abwischt, die uns an ihr Herz drückt, die Rat und Trost gibt. Eine schöne Vorstellung: ein Gott, eine Gottheit, die es später auch erträgt, wenn man sie als etwas nervig empfindet, weil man selbst ja hinaus in die Welt und ins Leben gegangen ist, die Mutter aber einen an das alte Leben und seine Regeln erinnert und daher Fragen stellt, die einem gerade nicht passen.

Langsam, ich will noch länger leben

In ihren letzten Lebensjahren fuhr ich am Sonntag oft mit meiner alten Mutter spazieren durchs bayerische Oberland - und wenn ich ihr zu schnell fuhr, sagte sie: "Langsam, ich will noch länger leben." Aber dann, nach ihrem neunzigsten Geburtstag, wurde sie, wie man so sagt, immer weniger. Es war wie bei der Abschiedssinfonie. Sie kennen diese Sinfonie von Joseph Haydn, bei der die Musiker der Reihe nach ihre Noten zuklappen und das Licht auslöschen und sich von der Bühne verabschieden. So ähnlich war es mit den Lebensgeistern meiner Mutter. Sie war dement.

Für uns wie für Gott bedeutet älter werden, den Tod vor Augen zu haben. Das ist das Besondere an der christlichen Religion; das machte sie in ihren Anfängen zu einer Torheit für die hellenistisch-römische Welt: Das Göttliche begibt sich in die Leidensgemeinschaft mit den Menschen. Eine Mutter Gott hat unendlich viele Menschen ins Leben kommen, Kind sein, alt werden, verlöschen und sterben gesehen. Sie nimmt unser Gesicht in ihre Hände und sagt: Hab keine Angst. "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder

Manchmal heißt es, alte Menschen, vor allem demente, würden wieder wie die Kinder. Ich mag Ihnen dazu noch eine zweite sehr persönliche Geschichte erzählen. Es war in der Zeit, in der die Zahnärzte noch Dentisten hießen und sich noch nicht jeder Deutsche die dritten Zähne leisten konnte: Wenn meine vielen Tanten damals der Großmutter (sie hatte fünfzehn Kinder!) ihre neugeborenen Enkelkinder präsentierten, dachte die alte Frau anschließend über eine anthropobiologische Frage nach: wie es denn komme, so sinnierte sie, dass man gemeinhin die kleinen Kinder ohne Zähne als possierlich, die zahnlosen Alten aber als hässlich betrachte?

Die Zahnlosigkeit der Alten akzeptierte sie unter Bezugnahme auf das Bibelwort "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen" als eschatologische Notwendigkeit. Und so war, theologisch höchst fragwürdig, aber für meine Großmutter sehr befriedigend, der körperliche Verfall erklärt und eingebettet in die Volksfrömmigkeit.

An den Schwellen des Lebens

Der Umgang mit der Demenz: Auch eine demente Mutter kann trösten; es kann trösten, sie einfach zu sehen, ihre Stimme zu hören, einen herzhaften Kuss von ihr zu bekommen, von ihrer entwaffnenden Emotionalität getroffen zu werden, ihre Freude zu spüren, dass man da ist. All das kann trösten - trotz und manchmal sogar wegen der Demenz.

Die Kunst besteht darin, demente Menschen, die in ihrer Bedürftigkeit mit Kleinkindern vergleichbar sind, nicht wie Kleinkinder zu behandeln, sondern sie weiter als Erwachsene ernst zu nehmen. Das wird nicht nur den Alten guttun, sondern auch den Kindern. Es wird die Kindheit der Kinder verändern, wenn sie in einer solchen Gesellschaft aufwachsen. Ein "mütterliches" Ostern kann ein anderes Bild vom Menschsein entwickeln.

Ostern werden Nester aufgestellt. Ein Nest braucht nicht nur das junge Leben, ein Nest braucht auch das alte Leben. Ostern verändert nicht nur das Gottesbild, es verändert auch das Menschenbild. Das Menschsein wird dann, das meine ich mit diesem anderen Bild vom Menschen und vom Menschsein, nicht mehr am Lineal von Ökonomie und Leistungsfähigkeit gemessen. Hilfebedürftigkeit ist dann keine Störung, die behoben werden muss, sondern gehört zum Menschsein. Ein solcher Umgang mit den Zeiten an den Schwellen des Lebens wäre eine Zeitenwende.

"Kinder sind unsere Zukunft" - das hört man in der Politik jeden Tag. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zur ganzen Wahrheit gehört: Auch die Alten sind "unsere Zukunft", denn unsere Zukunft ist das Alter. Die Alten sind unsere Zukunft; die Kinder sind unsere Zukunft.

Das Grundgesetz als Heimat für Kinder

Deshalb erzähle ich noch von Hänschen. Es ist eine Geschichte, die ich sehr gern mag, die ich Ihnen vor Jahren auch schon einmal erzählt habe. Hänschen rief: "Sie haben vergessen, dass das Volk nicht nur aus Erwachsenen, sondern auch aus Kindern besteht." Hänschen ist nicht einfach irgendein Hänschen, er ist "König Hänschen der Erste". Also sagt er zu seinen Ministern: "Es soll zwei Parlamente geben, eines für die Erwachsenen, eines für die Kinder."

Das sind Pläne, die in der Politik allenfalls für ein kurzes Schmunzeln sorgen würden, bevor man sich wieder den Folgen des Shutdown zuwendet. Die Geschichte vom König Hänschen stammt von Janusz Korczak, dem großen polnischen Pädagogen und Schriftsteller. Er erzählt darin, wie Kinder lernen, Streit auszutragen und Alternativen zur gewohnten Ordnung zu finden. Das Buch ist schon alt, es ist 1928 auf Polnisch und auf Deutsch 1988 erschienen. Aber es ist unglaublich modern: Es lehrt die "Pädagogik der Achtung". Nicht nur in seinen Kinderbüchern, auch in seinen Waisenhäusern entwickelte Korczak ein System der Selbstverwaltung der Kinder, er baute demokratische Strukturen dort auf.

Geht nicht, sagen Sie? Es ging. Warum und wie? Das ergibt sich schon aus dem Titel seines pädagogischen Hauptwerks, es heißt: "Wie man ein Kind lieben soll". Das könnte sich auch die deutsche Politik überlegen. Die deutschen Politiker müssen sich nämlich fragen lassen: Warum ist die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen so wenig verankert hierzulande? Warum ist die Kinderrechtskonvention gesetzgeberisch so wenig präsent? Warum muss nicht jedes neue Gesetz daraufhin befragt werden, wie es sich auf Kinder auswirkt?

Die Antwort könnte lauten: Weil die Kinder im Grundgesetz nicht vorkommen, jedenfalls nicht als Inhaber von Rechten. Das Grundgesetz kennt keine Kinder, bis heute nicht. Das ist schade, das ist bedauerlich, das ist merkwürdig. Das Grundgesetz schützt zwar mittlerweile ausdrücklich auch die Tiere und die Umwelt, also auch die Osterhasen, aber die Kinder nicht. Das muss sich ändern. Das Grundgesetz muss zu einer Heimat für Kinder werden. Der dazu vom Bundesjustizministerium vorgelegte Entwurf ist unzureichend.

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Ver-rückt werden

Janusz Korczak, der Weise im Waisenhaus, hat 1942 seine Kinder, es waren an die zweihundert, ins Vernichtungslager Treblinka begleitet. Er ist mit den Kindern gestorben, ermordet von den Nazis. Korczak wollte die Kinder nicht im Stich lassen. Lassen wir sie heute auch nicht im Stich. Mit dem Kindergrundrecht kämen auch die großen Pädagogen, es kämen Janus Korczak, Maria Montessori und Johann Heinrich Pestalozzi ins Grundgesetz.

Janusz Korczak hat uns den Respekt vor den Kindern gelehrt. Der Respekt vor den Kindern und der Respekt vor den Alten gehören zusammen; er ist das Band, welches das Leben umspannt. Zu diesem Respekt gehört es, dass Alte auch in Ruhe ver-rückt werden dürfen. Es gibt einiges geradezurücken in dieser Gesellschaft. Sich das bewusst zu machen - das ist Ostern.

© Sz.de/hij
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