bedeckt München 14°

Prantls Blick:Corona ist wie eine Sturmflut

Schild mit Aufschrift geschlossen hängt in der Eingangstür zu einem Geschäft in der Innenstadt von Frankfurt, Hessen, D

Im Augenblick steht die Menschheit da und versteht einander und die Welt nicht mehr. Das Chaos, das die Pandemie geschaffen hat, ist global und beängstigend.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Das Virus hat Konflikte an die Oberfläche gebracht. Das ist seine Härte, das ist aber auch sein Verdienst. Vom gesunden Optimismus in zermürbender Zeit.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

"Bleiben Sie gesund" - dieser kleine Satz ist zur coronaren Verabschiedungsformel geworden. Bleiben Sie gesund: Das ist eine liebenswürdig-verlegene, das ist eine zuversichtliche Formel in zermürbender Zeit; das ist ein guter und frommer Wunsch. Manchmal klingt der Satz nach so vielen Monaten der Pandemie schon arg routiniert, manchmal blitzt darin aber Optimismus auf, so wie ein Stern am finsteren Himmel. Bleiben Sie gesund: Die Hoffnung, dass die Impfungen möglichst bald Wirkung zeigen, steckt auch darin, vielleicht auch die Hoffnung, dass in der Nach-Corona-Zeit nicht alles, aber doch vieles wieder so sein wird wie vorher. Manchmal klingt der Satz freilich auch imperativ. Dann steht hinter dem "Bleiben Sie gesund" ein großes Ausrufezeichen, dann klingt der Wunsch nach Befehl und Beschwörung.

Im Augenblick steht die Menschheit da und versteht einander und die Welt nicht mehr. Das Chaos, das die Pandemie geschaffen hat, ist global und beängstigend. Es ist nicht ganz klar, ob die Ungleichheiten und Spaltungen in den Gesellschaften und zwischen den Nationen zunehmen, oder ob die bestehenden Ungleichheiten und Spannungen nur stärker ans Licht kommen. Corona ist wie eine Sturmflut. Wenn die Wellen heranrollen, vergehen einem Hören und Sehen unter ihrer Gewalt. Wenn die Wellen abflauen, sieht man den Dreck am Ufer liegen, den man sonst nicht sieht, wenn man aufs blaue Meer blickt, von dem man aber weiß, dass er darin schwimmt.

Die Menschheit steht ängstlich und verwirrt da, und es gibt keinen Reset-Knopf. Die alten Krisen werden nicht bewältigt sein, wenn Corona bewältigt ist. Die Gewalt der Coronawellen besteht auch darin, dass sie lebens- und überlebenswichtige immaterielle Güter fortspülen, nämlich das Vertrauen und die Hoffnung. Müdigkeit, Pessimismus und Verzweiflung grassieren.

Die Fähigkeit, das Beste zu hoffen

Optimismus wäre gefragt, Optimismus ist gefragt, also die Fähigkeit, das Beste zu hoffen. Diese Feststellung ist weit entfernt von Gefühligkeit, sie ist Teil dessen, was Sache ist. Optimismus ist die Bedingung für die Möglichkeit von Politik. Damit meine ich nicht jenen falschen Zweck-Optimismus, der das Elend elegant überspringt; ein solcher Sprung bringt Enttäuschung und vermehrt die Aggression der Enttäuschten. Corona hat Konflikte an die Oberfläche gebracht, sie sichtbar gemacht, pointiert und verschärft. Das ist die Härte des Virus, das ist aber auch sein Verdienst, sofern das Managermantra gilt, dass man in jeder Krise die Chance sehen soll.

Corona hat Konflikte verschärft. Die Frage nach dem Stellenwert des Rechts auf Leben - sie war schon durch das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer drängend. Die Fragen nach der Notwendigkeit massiver staatlicher Eingriffe und nach der Rolle des Parlaments dabei - sie waren schon in der Bankenkrise drängend und sie werden es erst recht in der Klimakrise sein. Die Frage nach der Sammlung und der Nutzung von Daten - sie war schon nach den Enthüllungen von Edward Snowden drängend. So kann man die Fragen weiter aufzählen, und es ist mühsam, furchtbar mühsam, Antworten zu finden.

Aber eines ist durch Corona auch deutlich geworden: Welche Antworten auch immer gesucht und gefunden werden, das Suchen und Finden darf kein autoritäres Suchen und Finden werden, es muss ein demokratisches Suchen und Finden bleiben beziehungsweise ein demokratisches Suchen und Finden werden. Es muss mit dem Wissen einhergehen, dass es immer eine Vielheit von Stimmen und Alternativen, dass es den mühsamen Weg des Hörens, Verstehens und Aushandelns gibt - der nicht dadurch ersetzt werden kann, dass man sich auf "das Volk" oder "die Wissenschaft" beruft, auf "die Vernunft" auf "die Gesundheit" oder auf die "Alternativlosigkeit". Im Streit über Coronabonds und die nötigen Finanzhilfen für Südeuropa, in der Konkurrenz beim Erwerb von Schutzausrüstung, in der Debatte über die Anschaffung und Verteilung des Impfstoffs brechen Traumata auf, die durch eine jahrzehntelange Politik der vermeintlichen Alternativlosigkeit verursacht wurden. Nicht nur die Bekämpfung des Virus ist das Ziel. Auch der Weg dahin ist das Ziel, nämlich dabei die Gesundheit der Demokratie und den gesellschaftlichen Ausgleich zu bewahren.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema