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Prantls Blick:Der Einzelfall zählt

Ich habe Micksch kennengelernt, als 1988 ein neues Ausländerrecht in Arbeit war, Friedrich Zimmermann von der CSU, ein ebenso jovialer wie begnadeter Hardliner, war der zuständige Minister - und Jürgen Micksch war in tiefer Sorge. Diese Sorge trug er damals zu mir in die Redaktion. Von ihm und von Pro Asyl habe ich fortan einiges lernen können: Ausdauer und Nachhaltigkeit zum Beispiel. "Der Einzelfall zählt" - das war einmal der Titel einer großen Aufklärungskampagne. Wie wirksam es ist, den Menschen einen Einzelfall nahezubringen, das hat Micksch ganz am Anfang seiner Flüchtlingsarbeit selbst erlebt: Als in Tutzing, seinem damaligen Arbeitsort, dem Sitz der Evangelischen Akademie, Flüchtlinge untergebracht werden sollten, Palästinenser, kam es auch dort zu Anwohnerprotesten. Micksch organisierte ein Treffen. Bürger sollten kommen und auch Flüchtlinge. Er ließ sie mit Hilfe von Übersetzern über ihre Fluchtgründe berichten, vom Elend, in dem sie lebten, von ihrer Arbeits- und Heimatlosigkeit und der Gewalt, der sie ausgesetzt waren.

Die Bürger blieben skeptisch, könnte ja alles gelogen sein. Ein Vater erzählte von seinem Sohn, dem in den Fuß geschossen worden sei, der Junge stand neben ihm. "Zeig mal", sagte der Vater. Da krempelte der Junge sein Hosenbein hoch und zog den Schuh aus. Und die Bürger sahen die Wunde. "Das hat die Stimmung im ganzen Ort verändert", erinnert sich Micksch. Bei seiner Gründung von Pro Asyl war Micksch Mitte 40 und Ausländerreferent der Evangelischen Kirche Deutschlands. Er wollte damals so etwas wie einen deutschen Flüchtlingsrat einrichten.

Als Erstes besprach er sich mit seinem katholischen Kollegen, der ihm umstandslos riet: "Vergessen Sie's". Micksch suchte sich andere Verbündete. Die Caritas warnte ihn: Er solle seinen Plan aufgeben, die Zeit sei nicht reif, er würde mit so etwas nur die Politik verärgern. Vom Diakonischen Werk kam die Mitteilung, man werde ihn nicht unterstützen. Micksch ließ sich nicht unterkriegen. Er reiste durch Deutschland, um Pro Asyl aufzubauen. Aus einem Verein, auf den damals kaum einer achtete, ist eine der gewichtigsten Menschenrechtsorganisationen in Deutschland geworden.

Erfinder der "multikulturellen Gesellschaft"

Welche Konstitution muss einer haben, der seit 45 Jahren für ein humanes Ausländerrecht und gegen Rassismus streitet? Und welches Gemüt braucht einer, den viele Politiker, ja selbst seine Kirchenoberen, als nervigen Spinner abgetan haben, bis sie dann irgendwann doch noch anfingen, seine Vorschläge näher zu betrachten? 1980, als Micksch den Begriff der "multikulturellen Gesellschaft" erfand und ins Gespräch brachte, hat ihn kaum jemand verstanden, nicht einmal seine eigene Kirche. Sein Arbeitgeber, der Rat der EKD, verbot ihm damals, den Begriff weiterhin zu verwenden. Er selbst hat später das Wort "multikulturell", als es zu einem politischen Kampfbegriff geworden war, durch "interkulturell" ersetzt.

Jürgen Micksch ist schuld daran, dass 1993 erstmals in Deutschland eine Obdachlosenzeitung namens Biss erschien. Auch hier war der in Breslau geborene, mit seiner Mutter im Alter von vier Jahren nach Bayern geflohene Mann ein Wegbahner, Organisator und Optimist. Sein Selbstbewusstsein hat er womöglich von ganz früher, als er als Kinderstar zusammen mit Heinz Rühmann auf der Bühne und vor der Kamera stand. Zum Beispiel in "Warten auf Godot", unter der Regie von Fritz Kortner. Warten auf Godot. Das Stück hat etwas mit dem Nicht-Aufgeben zu tun, mit dem Immer-Wieder-Weitermachen. Das passt zu Jürgen Micksch.

Wie viel Kraft muss einer haben, um mit Widerständen ohne Ende gut umzugehen? Er braucht den Glauben an die Kraft des Guten. Und es hilft gewiss auch das Gottvertrauen des Christen. Wäre es nach Micksch gegangen, gäbe es die deutsche Islamkonferenz nicht erst seit 2006, sondern schon seit 1990. Micksch ist, ohne dass er missionarisch auftritt, ein Werber für die Menschenrechte und das Miteinander: das Miteinander der Menschen, das Miteinander der Religionen. Wenn dieses Projekt gelingt, wenn der Kampf gegen Rassismus nicht vergeblich ist - dann dank der Leute, die so sind wie er. "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es", das ist der immer wieder zitierte Satz von Erich Kästner. Er kann ein Lebensmotto sein.

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