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Die ewige Kanzlerin:Merkel ist ein Vorbild an Pflichterfüllung

Sie regiert und regiert und regiert ... die Frage ist, wie lange ihre eigene Partei sie noch lässt.

(Foto: AP)

Im Finale ihrer Amtszeit regiert sie besser als ihre Vorgänger Adenauer und Kohl. Kommt nach der Europawahl die große Revolte?

Angela Merkel ist die Dritte im Bund der bedeutenden CDU-Bundeskanzler. In der letzten Phase ihrer Kanzlerschaft agiert die erste deutsche Kanzlerin aber bedeutend klüger als die bedeutenden Kanzlermänner vor ihr; Merkel ist in ihrem Finale souveräner, gelassener und disziplinierter als Konrad Adenauer und Helmut Kohl zusammengenommen. Die beiden Kanzler hielten sich schon allein aufgrund ihrer vielen Regierungsjahre für vorbildlich, Angela Merkel benimmt sich trotz ihrer vielen Regierungsjahre vorbildlich: Sie bleibt sehr arbeitsam und sie lässt die Eitelkeit nicht heraushängen. Sie hat sich, wie sie es formuliert, "vorgenommen", ihre Ämter in Würde zu tragen und sie auch in Würde zu verlassen - und versucht, das auch so zu praktizieren; beim Amt der Parteichefin hat sie es schon so gehalten.

Um Merkel in ihrem Finale zutreffend zu beschreiben und zu erklären, muss man weit zurückdenken, mehr als ein halbes Jahrhundert. Damals, es war im Jahr 1963, trat Konrad Adenauer, der erste deutsche Bundeskanzler, zurück - nach einer langen Zeit der politischen Agonie. Die letzten seiner 14 Regierungsjahre (an Weihnachten 2019 wird oder würde Merkel auch so lange regiert haben) waren von zwei Dingen überschattet: erstens von Adenauers hartnäckigem Kampf, so lange wie irgend möglich im Amt zu bleiben; zweitens von seinem vergeblichen Versuch, die Wahl Ludwig Erhards zu seinem Nachfolger zu verhindern.

Einen solch verbissenen und unwürdigen Kampf kämpft Angela Merkel nicht; sie will erstens nicht so lange wie möglich im Amt bleiben, sondern maximal bis 2021, bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode also; und sie will zweitens auch nicht ihre potenzielle Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer verhindern, im Gegenteil: Sie hat ihr bisher den Weg geebnet. Ludwig Erhard hätte seinerzeit vor Freude nicht mehr maßgehalten, wenn Adenauer ihm nur fünf Prozent der Freundlichkeit zugedacht hätte, wie Merkel sie für Kramp-Karrenbauer hat. Und Wolfgang Schäuble hätte sich seinerzeit ersehnt, dass Kohl ihn wenigstens ansatzweise so behandelt, wie Merkel Kramp-Karrenbauer behandelt.

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Merkel macht die eitlen Alters- und Dienstaltersfehler nicht. Sie stellt sich auch nicht wie ein Denkmal an den Wegesrand, um schon für die Ruhmeshalle zu üben, wie das Helmut Kohl, statt zu regieren, in seinen letzten Kanzlerjahren getan hat. Diese Art von Monumentalität ist Merkels Sache nicht. Sie macht, was sie immer gemacht hat: Sie regiert, sie tut es fleißig, manchmal schlecht, manchmal recht, aber immer zuverlässig und mit der Detailakribie, die sie auszeichnet, und der verschwurbelten Rhetorik, die sie kennzeichnet. Die ist heute sogar weniger schwurbelig als früher. Und sie genießt in der Bevölkerung noch immer guten Rückhalt, mehr als damals Adenauer und Kohl.

Um Angela Merkel gerecht zu werden, muss man sich nicht die bröckelnden letzten Jahre von Adenauer oder Kohl anschauen, sondern einen Werbefilm aus dem Jahr 1963, und zwar nicht wegen des schnarrend männlichen Tons, in dem die Werbung damals vorgetragen wurde, sondern wegen des genialen Inhalts: Man sieht einen VW-Käfer von hinten, der fährt los, fährt immer weiter und weiter; dazu kommentiert der Sprecher: "Er läuft ... und läuft ... und läuft." Es war ein Slogan, erfunden vom Fotografen und Regisseur Charles Paul Wilp, der auch die Afri-Cola-Werbung inszeniert hat und Imageberater von Willy Brandt war. Man sieht den Käfer klein und kleiner werden, sieht, wie er am Horizont verschwindet; und immer noch hört man, unermüdlich und unablässig, den bewundernden Kommentar des Sprechers: "und läuft und läuft". Er läuft, bis er gar nicht mehr zu sehen ist.

Das ist Angela Merkel. Das unterscheidet sie von ihren Vorgängern: die selbstverständliche Selbstverständlichkeit der Pflicht. Sie regiert und regiert und regiert nach ihrem gewohnten Takt. Sie macht keine Mätzchen, dreht keine Pirouetten, bleibt bei der Sache - ziemlich interessiert auch an innenpolitischen Details. Kohl hatte sich seinerzeit nur noch um Europa gekümmert, an die Stelle von Innenpolitik trat Untätigkeit, begleitet von Weinerlichkeit und Jammerei. Bei seinen letzten Regierungserklärungen wurde das in elender Weise deutlich; die Auftritte Kohls waren der Introitus zu einer Tragödie mit dem Titel: Wie ein großer Kanzler, den Blick in den europäischen Himmel gerichtet, ins Loch stürzt.

Nun ist es gewiss auch heute so, dass es genügend Merkel-Gegner gibt, die an einem solchen Loch schaufeln. Da gibt es einen sehr konservativen, aggressiven Flügel in der CDU, der sich für die bevorstehenden drei Landtagswahlen in den neuen Bundesländern dann bessere Chancen ausrechnet, wenn Merkel weg ist - so wie es die Pegidisten und die AfDler seit Langem fordern. Da gibt es die Merz-Freunde, gestützt immer noch von Wolfgang Schäuble, die in den vergangenen Wochen Kritik und Revolte am Wirtschaftsminister und Merkelianer Peter Altmaier schon einmal geübt haben; der Parlamentskreis Mittelstand hat Altmaier abzumeiern versucht - Rache dafür, dass der sich im Herbst gegen Merz und für Kramp-Karrenbauer ausgesprochen hatte.

Wenn die Europawahl desaströs für die Union ausgeht, werden Kritik und Revolte von Altmaier auf Merkel wechseln. Das wird dann der Fall sein, wenn das Ergebnis für die Union markant unter die 30 Prozent fällt. Aber wenn gleichzeitig die SPD deutlich unter 18 Prozent sinkt, ist das Schicksal der großen Koalition ohnehin unkalkulierbar. Kalkulierbar bleibt nur die Kanzlerin: Wenn sich das Loch nicht auftut, regiert sie bis 2021.

Kolumne von Heribert Prantl

Heribert Prantl ist seit 1. März 2019 Kolumnist und ständiger Autor der Süddeutschen Zeitung. Zuvor leitete er das Ressort Meinung sowie die Innenpolitik und war Mitglied der Chefredaktion. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.