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Prantls Blick:Der Schrei am Ende des Lebens

Krankenhaus

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe verhandelt am kommenden Dienstag über eine Frage, die viele Angehörige von schwerstkranken alten Menschen umtreibt: Künstliche Ernährung - Ja oder Nein?

(Foto: dpa)

Was ist, wenn aus Lebensverlängerung eine Leidensverlängerung wird? Der Bundesgerichtshof muss entscheiden, ob und wann künstliche Ernährung ein Schaden ist, für den Schmerzensgeld bezahlt werden muss.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Es gibt einen Abgrund des Verlassenseins. In fast jeder Stadt gibt es den Ort, an dem sich dieser Abgrund auftut. Viele fürchten und meiden ihn; sie fürchten ihn, so wie die Vorfahren einst das Höllenfeuer und die Höllenqualen gefürchtet haben. Die Hölle von heute trägt den Namen Alzheimer, sie heißt Pflegeheim-Demenzstation.

Die dementen Alten sind ausgelagert aus dem Gemeinwesen, weil sie so viel verlernt haben von dem, was man von erwachsenen Menschen erwartet: das Lesen, das Sprechen, das Anziehen und oft sogar das Essen. Manchmal können sie aber auf einmal Dinge, von denen sie selbst nicht gewusst hatten, dass sie die können: Sie können singen, sie können Musik machen, sie können malen. Aber im Lauf der Zeit erlischt dann auch das wieder. Es bleibt nicht einmal Erinnerung. Es bleiben nur das Lachen und das Weinen, es bleiben Verletzlichkeit, Aggression und die Melancholie eines im Wortsinn ver-rückten Seins.

Deutscher Pflegetag in Berlin

Warum schreibe ich Ihnen diese Gedanken, die mir bisweilen so durch den Kopf gehen, wenn ich am Sonntag meine sehr alte Mutter besuche? In der kommenden Woche, vom 14. bis 16. März, ist in Berlin der Deutsche Pflegetag, die Schirmherrschaft hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) übernommen, und auf der Tagesordnung stehen Themen wie "Telenursing und Robocare" sowie "neue Ansätze für die Palliativpflege". Das Motto der Veranstaltung klingt, wenn man an die Zustände in der Pflege denkt, ein wenig seltsam: "Gepflegt in die Zukunft - Jetzt!"

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"Gepflegt" - von diesem Wohlgefühl sind viele alte Menschen und ihre Familien weit entfernt. In die Lebens- und Arbeitswelt der Noch-Nicht-Alten passen die Alten nicht. Viele Familien nehmen es gleichwohl auf sich, ihre Alten zu Hause zu pflegen. Diese Pflege in der Familie verlangt ungeheure Anstrengung; früher hat man Aufopferung dazu gesagt. Eine bezahlbare Haus-Betreuung durch Fachkräfte gibt es nicht.

In Würde alt und lebenssatt

Eine Kultur, die die Lebenszeit so sehr verlängert hat, hat noch keine Antwort auf die Fragen gefunden, die damit einhergehen. Sie hat nicht die Kraft, die Menschen in Würde alt und lebenssatt werden zu lassen - und sie will offenbar auch das Geld nicht dafür ausgeben. Der Respekt vor den Kindern und der Respekt vor den Alten gehören aber zusammen. Er ist das Band, welches das Leben umspannt. Zu diesem Respekt gehört es, dass Alte auch in Würde ver-rückt werden können. Das rückt die Gesellschaft gerade.

Wer der Demenz begegnet, begegnet der eigenen Angst; mit ihr bleibt jeder allein in einer Welt, die auf Leistung getrimmt ist: der Angst davor, die Kontrolle über sich zu verlieren; der Angst davor, umfassend angewiesen zu sein auf andere. Es gibt Menschen, die nach einer Alzheimer-Diagnose aus diesem Grund den Suizid gesucht haben. Niemandem steht ein Urteil über einen solchen selbstbestimmten Austritt aus dem Leben zu. Es ist dies eine Entscheidung, die zu respektieren ist - umso mehr, als die Gesellschaft den Respekt vor dementen Menschen vermissen lässt. Nicht selten erinnert die Pflege der dementen Alten an eine Strafe dafür, dass sie so alt geworden sind.

Der Bundesgerichtshof entscheidet: Schmerzensgeld für künstliche Ernährung?

Pünktlich zum Auftakt des Deutschen Pflegetags verhandelt der Bundesgerichtshof in Karlsruhe am kommenden Dienstag über eine Frage, die viele Angehörige von schwerstkranken alten Menschen umtreibt: PEG - oder nicht PEG? Das heißt: Künstliche Ernährung - Ja oder Nein? Wann ist die künstliche Ernährung nicht mehr Lebensverlängerung, sondern nur noch Leidensverlängerung?

Der Sohn eines Mannes, der bis zu seinem Tod bewegungsunfähig und kommunikationsunfähig über eine Magensonde ernährt wurde, hat diese Frage zum Gericht getragen. Er behauptet, die künstliche Ernährung sei eine unnötige und ärztlich nicht indizierte Leidensverlängerung gewesen. Ein Patiententestament des schwerstkranken Vaters gab es nicht, auch sonst keine Willensäußerungen. Der vom Gericht bestellte Betreuer des Schwerstkranken hatte die Ernährung per Sonde geschehen lassen.