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Prantls Blick:Der Witz des Denkers

Jürgen Habermas kennt das, er weiß das, er kann das. Er ist, ganz privat, ein grundfröhlicher Mensch. Vielleicht ist dies das Geheimnis, vielleicht aber auch das Ergebnis seines Erfolgs. Leserinnen und Leser seiner berühmten Habilitationsschrift über den "Strukturwandel der Öffentlichkeit" ahnen kaum, dass dieser Mann auch laut sein und losprusten kann. Zu Habermas gehört in der alltäglich lebenden Praxis auch der Witz und eine furiose, manchmal auch alberne Ausgelassenheit.

Dazu eine kleine Anekdote: Es war im kleinen Kreis, im privaten Rahmen, an einem großen Tisch, ein gutes Jahrzehnt her. Da trafen zum ersten Mal in ihrem Leben Jürgen Habermas und Dieter Hildebrandt persönlich aufeinander - jeder ein Philosoph auf seine Weise. Der eine, Habermas, ein klassischer politischer Denker, weltweise, einer der den Dingen auf den tiefsten Grund zu gehen versucht. Der andere ein wunderbarer politischer Kabarettist, der in seiner stammelnden Art unnachahmlich bissig über diese Dinge nachdenkt.

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Beide hatten und haben sie die politischen Auseinandersetzungen und Diskussionen der Bundesrepublik auf jeweils ihre Weise begleitet, beide galten und gelten sie als eher links, beide waren sie engagiert in den großen Bewegungen und Debatten der alten und neuen Bundesrepublik, beginnend bei "Kampf dem Atomtod" und den Ostermärschen bis hin zur Einschränkung des Asylgrundrechts.

Die EU, ein höherstufiges politisches Gemeinwesen

Beide haben in der Zeit der Studentenunruhen über Revolution und Scheinrevolution sinniert, beide haben sich von Gewalt abgegrenzt; beide haben die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zum Thema gemacht, haben über Adenauer räsoniert und über Merkel gelästert. Habermas tat das in vielen Essays und Schriften, in denen er das, was er in seinen großen Werken über Diskurs und Kommunikation lehrte, auf die aktuellen Debatten anwendete. Habermas wie Hildebrandt haben, auf ganz unterschiedliche Weise, Einfluss genommen auf die Debatten, die den Weg der Bundesrepublik nach Europa begleiteten - das für Habermas ein "höherstufiges politisches Gemeinwesen" darstellt, das er für einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft hält.

Diese beiden älteren Herren - der größte deutsche Philosoph der eine, der größte deutsche Kabarettist der andere - saßen also bei einer kleinen privaten Einladung nebeneinander am großen Tisch, als die kleine Gesellschaft im Bücherregal, auf einem Radiogerät liegend, ein gelbes Plüschtier entdeckte, so fünfunddreißig Zentimeter lang, wie man es als Spielzeug auf italienischen Autobahntankstellen kaufen kann, um dann damit die Kinder auf dem Rücksitz eine Weile zu beschäftigen.

Das gelbe Tier war langgestreckt, eine gewagte Mischung aus Wurm und Ente, hatte einen roten Schnabel und machte, wenn man den kleinen Schalter betätigte, rollierende Bewegungen zu einer eingängigen, piepsenden Melodie. Die beiden Herren Habermas und Hildebrandt legten das Plüsch-Ententier auf den Tisch und sahen ihm verklärten Blickes eine Weile dabei zu, wie es sich melodisch verrenkte - dann platzierten sie das Tier mit glucksendem und sich steigerndem Vergnügen auf Schulter oder Bein des jeweils anderen, bis sich nicht nur das Tier kringelte, sondern sie sich selbst auch. Seit Umberto Ecos Romanerfolg "Der Name der Rose" wissen wir, dass sich Fundamentalisten vor dem Lachen fürchten. Wer lacht, hat keine Angst; Lachen hat etwas Revolutionäres. Deshalb versteckt in Umberto Ecos Roman der Mönch und Bibliothekar Jorge von Burgos das zweite Buch der Poetik des Aristoteles in seiner Bibliothek mit allen kriminellen Mitteln vor der Welt; es handelt sich nämlich um ein Buch, das das Lachen lobt.

Jorge von Burgos glaubt, dass nur Angst die Menschen dazu bringen könne, ein gottgefälliges Leben zu führen. Er fürchtet, dass das Lachen das Einschüchterungssystem des Mittelalters zum Einsturz bringen könnte. Jürgen Habermas ist das Gegenteil dieses Bibliothekars. Seine Diskurs- und Kommunikationstheorie ist eine Philosophie der Entängstigung. Sie vertraut der Kraft des Argumentierens.