Praktiker:Helfen helfen

In der Flüchtlingskrise verhandelt und entscheidet die "große Politik". Am Ende aber müssen Lokalpolitiker alles umsetzen - und sind plötzlich verantwortlich für das Überleben Zehntausender. Wie schaffen die das?

Von Cathrin Kahlweit

Luigi Ammatuna ist Bürgermeister im sizilianischen Städtchen Pozzallo. Kürzlich hat er seine Amtsschärpe angelegt und sich an den Kai gestellt, als ein Schiff mit toten, schon halbverwesten Leichen in den Hafen gezogen wurde. Menschenhändler hatten, um das Boot auf See zu stabilisieren, Flüchtlinge unter Deck eingesperrt, wo sie erstickten. Ammatuna stand da mit seiner Schärpe und seinen Tränen, als die Toten an Land getragen wurden, und erwies ihnen die letzte Ehre.

Erzählt hat er davon auf der NOW-Konferenz in Wien, auf der sich Bürgermeister aus der EU, der Türkei, aus Libanon und Jordanien trafen - Politiker, die täglich aufs Neue gefordert sind, Geld und Logistik, Nahrung und Wasser, Müllabfuhr und medizinische Versorgung für eine große Zahl von Menschen zu organisieren, die in ihren Kommunen und in ihrem Budget schlicht nicht vorgesehen waren.

Das Treffen in Österreich, das unter anderem vom Künstler André Heller und der Mäzenin Patricia Kahane ins Leben gerufen worden ist, wollte vernetzen und auf unterschiedliche Probleme, wo möglich, gemeinsame Antworten finden. Zwar ist es ein Unterschied, ob Lokalpolitiker in Libanon oder Jordanien ganze Stadtteile und gigantische Lager mit Zehntausenden Flüchtlingen gefüllt haben, oder ob Kommunal-Beamte entlang der Balkanroute durchreisende Flüchtende betreuen. Am Ende aber haben sie ähnliche politische, administrative und infrastrukturelle Herausforderungen zu stemmen. Die wichtigste Erkenntnis dabei: Die Probleme werden immer größer und existenzieller, je weiter man sich von Europa wegbewegt.

Derzeit entstehen - auch weil das Chaos in Europa eine große Unübersichtlichkeit geschaffen hat - immer neue Plattformen, Blogs und Netzwerke, die sich dem Informations- und Erfahrungsaustausch widmen. Mit Blick auf die Londoner Geberkonferenz zu Syrien etwa formierten sich hundert Hilfsorganisationen aus aller Welt, die den "Betroffenen eine Stimme geben" wollten. Aus Sicht der Helfer ein wichtiger Anker in aufgewühlter See: die Einhaltung verbindlicher humanitärer Vereinbarungen. Auch wenn es abstrakt klingt, knüpfen die Menschen daran ihre Hoffnung.

Bisweilen dienen solche Appelle der gegenseitigen emotionalen Bestärkung. Der Italiener Ammatuna etwa, der Bürgermeister aus Pozzallo, ist kein Held. Aber er erntete anhaltendem Applaus, als er seinen frustrierten Kollegen vortrug, was nur noch wenige Bürgermeister in Deutschland öffentlich zu sagen wagen, wo positive Nachrichten über engagierte Integrationsversuche mittlerweile als Gutmenschen-Propaganda abgetan und schlechte Nachrichten gesammelt werden wie Trophäen: "Ich würde", sagte er, "auch jetzt, da so viele kommen, keinem Flüchtling auf die Hand steigen, der diese erschöpft, durchnässt, halb verdurstet und halb verhungert auf die Hafenmauer legt."

Dabei türmen sich vor allem in jenen Staaten, welche die Hauptlast der Flüchtlingsbewegung tragen, die praktischen Probleme. Im vergangenen Jahr wurden die Hilfeaufrufe der Vereinten Nationen für Syrien und dessen Nachbarländer nur zur Hälfte gedeckt - 8,9 Milliarden Dollar flossen. Reiche Staaten wie Katar, Saudi-Arabien und die USA haben finanziell nur einen Bruchteil beigetragen. Kleinere Länder wie Jordanien und Libanon hingegen haben laut der Hilfsorganisation Oxfam das 60-Fache dessen geleistet, was ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft angemessen gewesen wäre. Dies übersteige die Hilfsbereitschaft der USA, Frankreichs oder auch Deutschlands bei Weitem.

Verantwortliche aus Libanon und Jordanien berichten vom gravierenden Wassermangel. In Libanon etwa, wo viele Kommunen auch schon ohne die Tausenden zusätzlichen Bewohner kaum genug Wasser haben, stellt sich täglich aufs Neue die Frage: woher nehmen, und wie? Zehntausende Flaschen müssen herangekarrt - und auch wieder entsorgt werden. Das Müllproblem ist immens. Wohin mit Exkrementen und Abwassern in Orten, deren Kanalisation und Müllsysteme nicht einmal für die eigenen Bürger reichen?

Ali Mattar, Bürgermeister von Sahel El Zahrani, berichtet mit Blick auf das eklatante Trinkwasserproblem in seiner wasserarmen Region von einer Infrastruktur, die auf 15 000 Flüchtlinge ausgelegt ist, aber mindestens 20 000 beherbergen und versorgen muss. Mehr Infrastruktur ist dringend nötig, kann aber nicht bezahlt werden. Sein Kollege Yousef al-Shawarbeh, Vizebürgermeister der jordanischen Hauptstadt Amman, klagt über einen Arbeitsmarkt, der aus den Fugen gerate, weil sich Millionen Syrer notdürftig und doch auf Dauer eingerichtet hätten. Schwarzarbeiter überschwemmten den Markt.

Allein in Amman leben etwa 450 000 Flüchtlinge aus Syrien, Palästinenser mit "älteren Rechten" nicht eingerechnet. Beide Gruppen lieferten sich, so al-Shawarbeh, mit den Einheimischen einen Verdrängungswettbewerb. Die Folge: Ausbeutung und Verarmung.

Auch im jordanischen Um Al Jimal, wo Hassan Ruhaibeh Politik macht, ist die Lage extrem: Hier leben 45 000 Jordanier neben 29 000 Flüchtlingen, dazu kommen 80 000 im Großlager Zaatari. Auch Ruhaibeh weiß, was es heißt, kein Wasser, keine Drainagen, keine Müllabfuhr und keine Müllverbrennung zur Verfügung zu haben. Die Panik in seiner Stimme ist unüberhörbar. "Helft uns helfen", lautet die Botschaft.

© SZ vom 10.02.2016
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