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Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich:Wenn Schwergewichte tanzen

Eine ehemalige Verbündete des skandalumwitterten Strauss-Kahn tritt gegen den Ex-Mann der letzten Kandidatin an: Die Stichwahl um Frankreichs sozialistischen Präsidentschaftskandidaten wird spannend. Steht der Kandidat fest, will die Partei wieder Einigkeit zeigen. Egal, wer gewinnt - einfach wird das nicht.

Man nennt sie Elefanten, die Schwergewichte der französischen Sozialisten. Das ist unfair, gegenüber den Tieren. Elefanten verhalten sich meist sozial. Die Herde beschützt Junge, Alte und Kranke. Die Größen des Parti Socialiste (PS) dagegen gebärden sich gern als misstrauische Einzelgänger, wie es sie allerdings auch bei echten Elefanten gibt. Die Urabstimmung der Linken, die am Sonntag in der Stichwahl zwischen François Hollande und Martine Aubry gipfeln wird, hat das Einzelgängertum noch befördert.

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François Hollande, Ex-Parteichef und Ex-Lebensgefährte der letzten sozialistischen Präsidentschaftskandidatin, will für die PS gegen Nicolas Sarkozy in den Wahlkampf ziehen. Ob es soweit kommt, entscheidet sich an diesem Sonntag.

(Foto: AFP)

Von Montag an muss der PS jedoch zur Herde werden, um gegen Nicolas Sarkozy und dessen Konservative bei der Präsidentschaftswahl 2012 zu bestehen. Leicht wird sie nicht werden, die Herdenbildung. Die Führungsleute wie Hollande, 57, Aubry, 61, Ségolène Royal, 58, und Dominique Strauss-Kahn, 62, haben eine gemeinsame Vergangenheit, die sie mehr trennt als eint. Sie haben die Pariser Elitehochschulen durchlaufen, sind im Sog François Mitterrands politisch groß geworden, haben Allianzen geschmiedet und Fehden ausgefochten. So sind Verletzungen und Rachegefühle entstanden - und eine filmreife Politsaga obendrein.

Wie delikat die Verhältnisse sind, illustriert die Familie Hollande-Royal. Die beiden kamen sich als Jungsozialisten an der legendären Hochschule Ena näher. Sie wurden ein Politpaar, das Jahrzehnte zusammen hielt, vier Kinder hervorbrachte und durch die Instanzen marschierte. Während Hollande im Hintergrund wirkte und die Partei unter Kontrolle brachte, glänzte Royal als Ministerin, Präsidentschaftskandidatin und Regionspräsidentin.

Ehrgeizig waren beide. Daher mussten sich die Lebensgefährten, die eine Ehe als zu "bourgeois" ablehnten, am Ende in die Quere kommen. Madame stach Monsieur aus, als es darum ging, wer Präsidentschaftskandidat für die Wahl 2007 werden sollte. Monsieur ging privat eigene Wege und tat sich mit einer jungen Journalistin zusammen, zunächst unbemerkt von der Öffentlichkeit. In Paris heißt es, Royal habe ihrem Mann vorgeschlagen, ihm die Präsidentschaftskandidatur zu überlassen, wenn er sich von der Journalistin trenne. Er sagte Nein.

Öffentlich wirkte das Duo Hollande-Royal Anfang 2007 auf der Höhe seiner Macht. Er war Parteichef, sie strahlende Präsidentschaftskandidatin. Doch Royal bekam den Eindruck, dass ihr abtrünniger Gefährte sie auch politisch im Stich lasse. Ihr Kampagnensprecher Arnaud Montebourg sagte damals, Royal habe "nur ein Problem, ihren Lebensgefährten". Am Ende unterlag sie Sarkozy.

Kurz darauf forderte Royal öffentlich Hollande auf, die gemeinsame Wohnung zu verlassen - das Polit-Märchen war zu Ende. Später wurden die beiden bei den Sozialisten kalt gestellt. Auf einem Parteitag eroberte Aubry, unterstützt von Strauss-Kahn, den Vorsitz. Royal unterlag ihrer Rivalin knapp. Später suggerierte Royal, es sei Betrug im Spiel gewesen. Heute sagt sie, sie habe in jener Zeit privat und politisch schlimme Schläge erhalten.

Als klar wurde, dass die Sozialisten ihren Präsidentschaftskandidaten für 2012 per offener Urwahl küren würden, schlossen Aubry und Strauss-Kahn einen Pakt. Der Aussichtsreichere sollte antreten. Dies schien noch im Frühjahr eindeutig Strauss-Kahn zu sein. Doch dann fiel dessen Karriere seinen eigenen Umtreiben in einem New Yorker Hotel zum Opfer. Daraufhin erklärte Aubry ihre Bewerbung. DSK, der fürs Erste politisch abgemeldet ist, stimmte am vergangen Sonntag für sie.

Sechs Kandidaten traten bei dieser Vorwahl an, darunter Hollande und Royal. Das stellte deren Kinder vor die Frage, ob sie zum Vater oder zur Mutter halten sollten. Die Vier trafen eine weise Entscheidung. Derjenige Elternteil, der nach der ersten Runde vorne liegen würde, sollte ihre Unterstützung bekommen. Der Vater siegte. Er schnitt bei der Vorwahl mit 39 Prozent am besten ab und qualifizierte sich für die Stichwahl, genauso wie Aubry, die auf 30 Prozent kam. Dritter wurde Montebourg mit 17 Prozent. Royal, die 2007 wie eine Jeanne d' Arc der Sozialisten umschwärmt worden war, kam auf sieben Prozent. Sie weinte.

"Ab Montag sind wir alle vereint"

Diese Woche ging es für Hollande und Aubry darum, die Unterlegenen für sich zu gewinnen. Paris hielt den Atem an. Royal als Königsmacherin? Wen würde sie ihren Anhängern empfehlen? Ihren Ex-Gefährten Hollande, über den sie kürzlich sagte, er habe in 30 Jahren Politik nichts erreicht? Oder Aubry, die ihr den Vorsitz weggeschnappt hatte?

Royal entschied sich für den Vater ihrer Kinder. Am Donnerstagabend trat sie in den Hauptnachrichten auf, mit blassem, makellosem Gesicht, in dem Zeit und Kämpfe keinerlei Spuren eingegraben haben. Die Entscheidung sei ihr schwer gefallen, sagte sie. Doch sie wolle ihr Leben mit Hollande nicht verleugnen. Immerhin sei ihre Bilanz als Paar doch gut gewesen: Vier Kinder! Zwei Präsidentschaftskandidaturen! Nun lasse sie das Private beiseite und handle als Politikerin. "Ich unterstütze François Hollande, den Kandidaten, der in Führung liegt." Die Franzosen waren ergriffen.

Auch der Parteilinke Montebourg musste Farbe bekennen. Er hat sich oft über den gemäßigten Hollande lustig gemacht und ihn mit "Flanby", einem Karamell-Pudding verglichen. Doch auch auf Aubry, der er ideologisch näher steht, ist er schlecht zu sprechen. Sie verwehrte ihm als Parteivorsitzende den Einfluss, den er beansprucht. Montebourg machte es spannend und erklärte sich erst an diesem Freitag. Dabei gab er zu verstehen, dass er Aubry und Hollande als gleichermaßen unerfreulich empfinde. Seinen Anhängern gab er daher keine Empfehlung. Er selbst aber will für Hollande votieren, weil dieser die Partei besser zu einigen verstehe.

Entschieden ist die Stichwahl am Sonntag aber noch nicht. Umfragen zufolge liegt Hollande mit 53 Prozent nur knapp vor Aubry mit 47 Prozent. Es wird also spannend. Ein ganz knappes Ergebnis könnte die Partei wieder einmal spalten. Aubry verspricht: "Ab Montag sind wir alle vereint." Dann können die Sozialisten beweisen, dass sie wirklich so klug und solidarisch wie Elefanten sind.