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Kamala Harris:We did it, Joe

Die designierte US-Vizepräsidentin wird zum leuchtenden Vorbild. Schwarz, Frau, im zweithöchsten Regierungsamt - niemand verkörpert die Sehnsucht nach Wandel so sehr wie Kamala Harris.

Von Stefan Kornelius

Wenn Donald Trump Twitter im Sturm genommen hat, so ist es nun Kamala Harris, die für die Insta-Generation eine neue Zeitrechnung einläutet. Im Schatten der älteren und männlichen Spitzenkandidaten hat die designierte Vizepräsidentin in den vergangenen Monaten in linksliberalen Kreisen Kultstatus errungen - so wie zuletzt die Obamas. Allein in der Wahlnacht ist die Zahl von Harris' Anhängern auf Instagram um ein gutes Viertel auf 10,4 Millionen hochgeschossen. Der kurze Siegerpost - Harris in Laufklamotten telefoniert mit Joe Biden, sagt "We did it, Joe" und bricht aus in ein erlösendes Gelächter - wurde binnen kürzester Zeit von fast 20 Millionen Leuten angesehen.

Kamala Harris ist zur Ikone des Wandels aufgestiegen und hat damit zumindest mit Blick auf die liberal-progressive Klientel in den Küstenregionen die Erwartungen der Wahlstrategen erfüllt. Auch wenn die streng urteilende Staatsanwältin konservative Kreise nicht beeindruckte und im Wahlkampf für eine breite Öffentlichkeit nicht stark in Erscheinung trat: Mit 56 Jahren deutlich jünger als der designierte Präsident wird Harris zur Hoffnungsträgerin einer unter Trump politisierten jungen Generation, der Schwarzen - und vor allem der Frauen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der USA hat eine Frau den Präsidentinnen-Titel errungen, auch wenn noch ein "Vize" vorangestellt ist. Die Symbolkraft dieser Wahl ist ungeheuer. Hillary Clinton, vor vier Jahren am Wahlsystem und am Frauenverächter Trump gescheitert, gratulierte als eine der Ersten. 36 Jahre sind vergangen, seitdem Geraldine Ferraro als erste Frau das Rennen um die Vizepräsidentschaft gewagt hat. Bis jetzt waren alle Bewerberinnen gescheitert.

In der Siegesnacht trat Harris ganz in Weiß auf, der Farbe der Suffragetten, die vor hundert Jahren in Großbritannien und den USA den langen Weg zur Gleichstellung begonnen haben. "Auch wenn ich die erste Frau in diesem Amt sein könnte, werde ich nicht die letzte sein, weil jedes kleine Mädchen heute Abend sieht, dass dies ein Land der Möglichkeiten ist", rief Harris unter Applaus.

Ihre Möglichkeiten sind dabei klar abgesteckt: Harris ist von nun an die aussichtsreichste Anwärterin der Demokraten auf die nächste Präsidentschaftskandidatur - entweder weil Biden angesichts seines Alters das Amt abgeben muss oder will. Von der ersten Minute im Vize-Amt an wird Harris also auch als Kandidatin agieren, und Biden wird ihr womöglich eine große Bühne überlassen.

Wie geschickt Harris ihre Klientel pflegt, bewies sie im Wahlkampf. Ob bei "Black Lives Matter"-Aktivisten oder in der Rhythm-and-Blues-Community: Harris war präsent und wurde gefeiert als Star einer neuen Zeit. Chuck-Taylor-Schuhe waren bald schwer lieferbar, nachdem Harris sie getragen hatte. Das Netz explodierte geradezu nach einem Auftritt in der "Verzuz battle" der R&B-Stars Brandy und Monica, einer DJ-Show, die von mehr als einer Million Leuten verfolgt wurde. Heute verbindet sich mit Harris die Hoffnung auf eine Befriedung der ethnischen Spannungen. In den Multikulti-Zentren an den US-Küsten tragen die Leute T-Shirts mit ihrem Konterfei. Ziemlich sicher, dass "We did it, Joe" dort auch bald darauf steht.

© SZ/jyb
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