Präsidentschaftswahl in der Ukraine Rückkehr der Oligarchen

Poroschenko liegt in den Umfragen für das höchste Staatsamt uneinholbar weit vorn; fraglich scheint derzeit nur zu sein, ob er im ersten oder zweiten Wahlgang siegen wird.

(Foto: REUTERS)

Erst wurden die Reichen der Ukraine bekämpft, jetzt sollen sie helfen, die Separatisten zu zähmen. Und einer von ihnen dürfte auch der nächste Präsident werden. Aus Angst vor dem Zerfall wendet sich das Land den Superreichen zu.

Von Cathrin Kahlweit, Kiew

Die Ukraine schließt ihre Oligarchen wieder in die Arme, deren Herrschaft mit dem Aufstand auf dem Maidan bekämpft werden sollte. Der Donezker Oligarch Sergej Taruta engagiert sich am runden Tisch gemeinsam mit der OSZE. Der Oligarch Igor Kolomojskij, der seinen Stammsitz in Dnjepropetrowsk hat, sorgt dort mit Geld und Druck für Ruhe.

Auch Rinat Achmetow, der reichste Mann des Landes, hatte jüngst nach langem Zögern Position bezogen und seine Arbeiter in der Industriestadt Mariupol, wo er zwei Fabriken betreibt, auf Patrouille geschickt. Jetzt hat er seine Leute - etwa 300 000 sind es insgesamt - in einer dramatischen Ansprache zu Protesten gegen die Separatisten aufgerufen. In seinen Fabriken erklangen um 12 Uhr die Sirenen, Arbeiter versammelten sich, Autofahrer fuhren hupend durch die Städte.

Hatte der Euro-Maidan die Macht der Oligarchen noch beenden wollen und deren Einfluss vor allem mit Selbstsucht, Diebstahl und Korruption gleichgesetzt, so heißt es nun: Hauptsache, die Wahlen finden statt und die Separatisten werden erfolgreich bekämpft. Wenn wir dafür die Oligarchen brauchen - sei's drum. Und wenn einer von ihnen der nächste Präsident ist - gut so. Angesichts der bedrohlichen Lage in der Ostukraine und der Angst vor dem Zerfall des Staats rücken die Zweifel an dieser Entwicklung zunehmend in den Hintergrund.

Petro Poroschenko - in Ost und West bekannt als der Schokoladenkönig

Zumal jener Unternehmer, der sich schon früh auf die Seite der proeuropäischen Demonstranten gestellt hatte, der nächste Präsident sein dürfte. Die meisten milliardenschweren Männer, die Arbeitsplätze und Einkommen garantieren, Parlamentssitze und Politiker kaufen, Fernsehsender und Zeitungen kontrollieren - sie hatten Ex-Präsident Viktor Janukowitsch lange gestützt, spät fallen gelassen und nach dessen Flucht geschwiegen. Nur einer nicht: Petro Poroschenko, in Ost und West bekannt als der Schokoladenkönig, weil er seinen unternehmerischen Ruhm mit Qualitätsschokolade begründete.

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Er hatte sich - obwohl ein Mann des alten Systems, der schon in mehreren Regierungen und zuletzt auch in der Ära Janukowitsch als Minister tätig war - gleich zu Beginn der Proteste für die Ziele der Opposition ausgesprochen. In der Ukraine nennt man ihn deshalb den "demokratischen Oligarchen". Poroschenko liegt in den Umfragen für das höchste Staatsamt uneinholbar weit vorn; fraglich scheint derzeit nur zu sein, ob er im ersten oder zweiten Wahlgang siegen wird. Der 48-Jährige selbst wirbt damit, dass mit einem eindeutigen Sieg in der ersten Runde quälende Wochen eines weiteren Interregnums vermieden würden. Und er verspricht, dass er mit den "Terroristen" die "Sprache der Stärke" sprechen würde. Die Krim müsse langfristig zurück zur Ukraine, das Donezbecken müsse befriedet werden. Das wollen die Leute hören, selbst im Osten. Einzig in der Ostukraine - so dort überhaupt gewählt werden kann - liegen die Kandidaten der ehemaligen Regierungspartei, der Partei der Regionen, vorn.

In der Familie Poroschenko hat nur einer das Sagen

Nur: Wer ist dieser Mann, der die Ukraine aus der tiefsten Krise ihrer jüngeren Geschichte führen soll? Und was sind seine politischen Ziele? Sein Fernsehsender, Kanal 5, war schon Sprachrohr der Regimegegner, als die anderen Medienzaren Viktor Janukowitsch noch als Mann des Volkes präsentieren ließen. "Auf neue Weise leben" lautet sein Wahlslogan, der auf Sympathie für den Euro-Maidan verweist. Seine Mitarbeiter für die Wahlkampagne kommen aus dem Team von Vitali Klitschko, aber er hat auch einige Leute seiner Intimfeindin Julia Timoschenko abgeworben. Sein erklärtes Wahlkampfziel ist die baldige Umsetzung des Assoziierungsabkommens mit der EU, eine Dezentralisierung der Macht, der Kampf gegen Korruption. Andererseits: Bis auf die rapide Annäherung an die EU unterscheidet ihn das nicht wesentlich von der politischen Konkurrenz. Was er sonst will - es bleibt im Dunkeln.

Poroschenko stammt aus Odessa, er hat vier Kinder. Ein aussagekräftiges Foto der Familie Poroschenko zeigt ihn als Patriarchen breitbeinig auf einem Stuhl sitzend, während seine Kinder und seine Frau im schwarz-weißen Dress hinter ihm posieren wie Cheerleader. Ganz klar: In der Familie Poroschenko hat nur einer das Sagen. Auch als Politiker - er war immerhin schon Außen-, Wirtschafts- und Finanzminister - hat er den Ruf, ein schneller Entscheider zu sein, der sich am liebsten auf das eigene Urteil verlässt.

Und als Unternehmer? Poroschenko hat sein Geld mit Pralinen, Schiffen und Autos gemacht, lässt sich aber nicht gern als Oligarchen bezeichnen, wenngleich er laut Forbes ein Vermögen von knapp zwei Milliarden Dollar haben soll: Oligarchen seien Menschen, die Macht haben wollten, um persönlich davon zu profitieren, sagt er. So einer sei er nicht. Tatsächlich hat der Unternehmer versprochen, seine Firmen zu verkaufen, sollte er Präsident werden. Über seinen Besitz in Russland kann er schon jetzt nicht mehr verfügen: Poroschenkos Produkte waren unter den ersten, die der russische Zoll blockierte, als Moskau im vergangenen Sommer das Assoziierungsabkommen verhindern wollte. Im Februar stürmten Sondereinheiten eine seiner Fabriken in Russland, sie ist seitdem stillgelegt. Nun wurden auch seine Konten bei russischen Banken eingefroren. "Ich muss also etwas richtig gemacht haben", scherzte Poroschenko daraufhin am Wochenende, als er auf Wahlkampftour im ukrainischen Südosten war.

Und noch ein Versprechen neben dem Verkauf seiner Firmen hat er gegeben: Als der Aufstand auf dem Maidan auf dem Höhepunkt war, als die Bewohner der Zeltstadt in Kiew jeden Tag, jede Nacht mit dem Sturm durch die Polizei rechneten, da stand Petro Poroschenko auf der Bühne und sagte: "Wenn all das hier vorbei ist, werde ich von meinem eigenen Geld den Platz neu pflastern lassen." Soweit ist es noch nicht gekommen, der Maidan ist noch immer besetzt. Die Aktivisten, die geblieben sind, wollen sicherstellen, dass der nächste Präsident, die nächste Regierung anständiger ist als die letzte. Ob Petro Poroschenko eine Garantie dafür ist? Eine junge Journalistin, die ihn im Wahlkampf begleitet hat, merkt trocken an: "Er ist schon okay. Er ist bei Weitem nicht so korrupt wie die anderen."