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Präsidentschaftswahl:Beängstigend ist vor allem die Jugendarbeitslosigkeit

Bisher wechselten sich Sozialisten und Konservative an Staatsspitze und Regierung ab. Selbst wenn Parteinamen in Frankreich häufig wechselten und Gruppierungen sich verbündeten und wieder trennten: Stets standen sich zwei Lager gegenüber. In den vergangenen Monaten konnte man zusehen, wie diese immer mehr zersplittern. Präsident François Hollande hat dazu beigetragen, seine eigene Partei zu spalten. Von seinem linken Wahlprogramm ist er auf einen rechten, wirtschaftsfreundlichen Kurs umgeschwenkt, den er dem linken Parteiflügel nicht vermitteln konnte.

Auch die Vorwahlen der Sozialisten und der Republikaner mit jeweils sieben Kandidaten haben den Parteien nicht unbedingt gut getan. Um sich voneinander abzugrenzen, mussten die Anwärter auf die Präsidentschaft ihre Positionen enorm zuspitzen. Bei einigen wirkte es, als sei ihr größter Gegner nicht im anderen politischen Lager zu finden, sondern unter den Mitbewerbern. Vor allem der sozialistische Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon tut sich gerade schwer, die Gräben in seiner Partei wieder zu schließen.

Hinzu kommt, dass in den vergangenen zehn Jahren weder der konservative Präsident Nicolas Sarkozy noch der Sozialist Hollande die schwierige wirtschaftliche Lage in den Griff bekommen haben. Zwar ist das Land der Rezession vorerst entkommen, doch die Staatsverschuldung steigt weiter und die Arbeitslosigkeit ist mit zehn Prozent konstant hoch. Beängstigend ist vor allem die Jugendarbeitslosigkeit: Jeder Vierte der 18- bis 24-Jährigen findet keinen Job.

Wirkmächtiger als schlechte Zahlen sind aber schlechte Gefühle: Immer mehr Franzosen haben Angst vor der Zukunft, sind frustriert angesichts der eigenen - angenommenen oder realen - Machtlosigkeit und überzeugt, dass Frankreich die beste Zeit hinter sich hat. Dass das Land seit Jahren in einer Identitätskrise steckt, haben bis hin zum Premierminister schon viele festgestellt, ohne dass dieser Erkenntnis wirkungsvolle Gegenmaßnahmen gefolgt wären. Debatten über die "nationale Identität" wurden meist von rechts angestoßen und haben Frankreich mehr gespaltet als vereint.

Die Globalisierung hat das Land zu einem unter vielen degradiert. Das ist äußerst verletzend für die Erben der Französischen Revolution, für die nationales Prestige stets wichtiger war als für andere. "Die oft krampfhafte Suche nach den Besonderheiten Frankreichs spiegelt ein Gefühl der Orientierungslosigkeit von Menschen wider, die ihre traditionellen Anhaltspunkte verloren haben", analysiert Claire Demesmay von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

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