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Präsidentschaftswahl:Experiment Afghanistan

Afghanistan ist ein einmaliges Projekt: Unfrieden ist Normalzustand, jedes demokratische Experiment war bisher von Gewalt geprägt. Aber Frieden ist möglich - mit Hilfe des Westens.

Eine Wahl ist ein Schnappschuss im Leben einer Nation, und wie jeder Schnappschuss hält er nur den Augenblick fest. Wenn eine Nation aber nur ein- oder zweimal in ihrer Geschichte die Gelegenheit zu einer Porträtaufnahme bekommt, dann ist kein Platz für Zufall.

Wahl in Afghanistan, AFP

Verhüllte Frauen vor einem Wahllokal in Kandahar

(Foto: Foto: AFP)

Als die Fotografen noch Glasplatten belichteten, stützten sie den Nacken der Menschen, die ihnen als Motiv dienten, die Aufnahme sollte nicht verwackeln. Afghanistan ist so ein Land aus dem Zeitalter der Glasplattenfotografie.

Eine unerschütterliche Pose

An diesem Donnerstag wird ein Lichtbild genommen, und das ganze Land muss gestützt werden, damit eine ordentliche Aufnahme zustande kommt.

Stattlich soll das Bild wirken, es soll Eindruck machen bei Freund und noch mehr bei Feind. Die unerschütterliche Pose soll sagen: Afghanistan ist stark, es hat seinen Weg gefunden.

Das ist ein hoher Anspruch an einen Schnappschuss. Und es wäre ein außergewöhnliches Bild von Afghanistan. Denn das von der Geschichte gezeichnete Porträt gibt eine andere Auskunft. In der Sprache der Paschtunen handelt es sich bei Afghanistan um ein Niemandsland, einen Puffer.

Afghanistan ist kein historisch gewachsenes Gebilde, in dem Stämme und Ethnien ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt hätten. Afghanistan war immer Zwischenland - in der Phase der Staatenbildung bedrängt vom russischen Expansionismus und dem britischen Empire. Die Krone und der Zarenhof fochten ihre geopolitischen Phantasien aus.

Und selbst lange vor dieser Zeit kollidierten am Hindukusch die Hochkulturen: die chinesische, die persische, die indischen und die eurasischen strebten nach Dominanz. Einem Volk an der Nahtstelle der großen Menschheitskulturen ist kein Frieden beschert.

Ein Gewaltrausch nach dem anderen

Die Afghanen kennen den Unfrieden als Normalzustand. Selbst kurze demokratische Experimente, in der afghanischen Geschichte gar zum "Goldenen Zeitalter" stilisiert, waren gezeichnet von Orientierungslosigkeit und Gewalt.

Die konstitutionelle Monarchie: zu schwach für die widerstrebenden Kräfte im Staat. Der autoritäre Premier: zu kraftlos gegen die Macht der Stämme und Kriegsherren. Der afghanische Staat war immer Spielball innerer und äußerer Mächte. Aus eigener Kraft konnte er nie bestehen.

Die letzte und womöglich brutalste Heimsuchung widerfuhr dem Land von Weihnachten 1979 an, bis - ja womöglich - heute.

Die sowjetische Invasion, der Bürgerkrieg nach dem Abzug der Sowjets und schließlich die Unterdrückung durch die Taliban: Seit nunmehr 30 Jahren erlebt Afghanistan einen Gewaltrausch nach dem anderen.

Wahl in Afghanistan

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