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Präsidentschaftswahl:Buxtehude, auf hoher See

Buxtehude, auf hoher See. Der Chef will sehen, ob der Kandidat seetüchtig ist. Der Chef, das ist Helmuth Ponath, ein weißhaariger Mann, dem die Reederei NSB in Buxtehude gehört, südwestlich von Hamburg. Ein alter Sozialdemokrat, der an diesem sommerlichen Mittwochabend den Mann in seinem Unternehmen empfängt, der nächste Woche deutscher Bundespräsident werden will.

Ist Christian Wulff also seetüchtig? Ponath schickt den Noch-Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen auf die Brücke des hauseigenen Schiffssimulators. Die NSB kann sich so einen Simulator leisten. Sie gehört zu den größten Containerschiffreedereien im Land.

Das könnten schöne Bilder werden. Wulff, der Kapitän, der Seebär, der die Lage auf stürmischer See immer im Griff hat.

Er hat sie natürlich nicht im Griff.

Ponath hat ein paar Schikanen in die Simulation einbauen lassen. Dutzende Schiffe schippern da auf der Nordsee. Hoher Wellengang. Christdemokrat Wulff steuert sein Schiff von einer Beinahe-Havarie zur nächsten.

Es wird warm auf der Brücke. Der Kandidat schwitzt. "Was mir nicht gefällt, ist, dass das Steuer und mein Kompass nicht richtig zusammenpassen", sagt er. Ein schöner Satz. So was sollte er mal auf einem CDU-Parteitag sagen.

Weiter hinten taucht die Gorch Fock auf, das berühmte Segelschulschiff. Jetzt alles, nur nicht dieses Symbol der Deutschen Marine versenken. "Das liest sich nicht so gut in der Zeitung", bemerkt Wulff. Und lächelt gequält. Nein, das liest sich nicht gut. Nicht so kurz vor der Wahl zum Bundespräsidenten. Nicht mal, wenn es nur eine Simulation ist.

Die Kandidatur des Christian Wulff läuft ohnehin nicht richtig rund. Seinem Gegenpart Joachim Gauck fliegen die Herzen zu, er redet die Leute schwindelig und lässt Tränen laufen. Wulffs Präsentation dagegen läuft nach Aktenlage. Er muss sich dauernd rechtfertigen, weil er offensichtlich nicht der Kandidat des Volkes, sondern nur der Kandidat von Angela Merkel ist. Das Volk hat da offenbar mehr erwartet.

Zwei Simulationen übersteht Wulff unfallfrei. In der dritten soll er ein mit 8000 Containern beladenes Riesenschiff in den Hamburger Hafen fahren. Wulff scheint zu ahnen, dass das ganz böse enden kann. Ein Schiff kommt ihm entgegen, er muss den Kahn ein wenig nach steuerbord lenken, was bei so einem Monsterkutter "hart steuerbord" bedeutet, damit das Schiff bei geringer Fahrt "genug Impuls" bekommt, wie der Bordtechniker erklärt.

Wulff, der Sanftmütige, gibt zu viel Impuls. Das Schiff steuert auf eine Insel im Hafenbecken zu. Es wird auf Grund laufen. "Das ist ja schlimm", entfährt es dem Kandidaten. Bevor es zum Äußersten kommt, verlässt Wulff die Brücke. Solche Bilder will er den Fotografen nicht ermöglichen. Der Ministerpräsident und Beinahe-Bundespräsident am Steuer eines außer Kontrolle geratenen Containerschiffs - das sieht nicht gut aus in der Zeitung.

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Hier gibt's Bier. Wenig später Public Viewing mit dem Kandidaten. Na ja, nicht wirklich public: Vor dem Eingang zum Campus der privat organisierten "Hochschule 21" in Buxtehude steht ein großes Schild: "Geschlossene Gesellschaft". Wer auf das Gelände will, muss sich namentlich angemeldet haben.

Als Christian Wulff kommt, lässt er sich erst mal von einer Journalistin mit einem Dreifarbenstift die Deutschlandfarben auf eine Wange malen. Dass er dabei umringt von Kameraleuten und Fotografen ist, lässt sich kaum vermeiden. Der Kandidat ist auf dieser Reise fast permanent umlagert.

Die zweite Wange will er sich nicht bemalen lassen, eine reicht. Sein Lächeln aber, das er mit der abwehrenden Handbewegung verbindet, gerät zum Versuch. Er wirkt auffallend angespannt in dieser Situation. Muss er seine neue Rolle erst noch finden?

Was ist er hier? Ministerpräsident? Präsidentschaftskandidat? Die erste Rolle kennt er seit Jahren. Die zweite erst seit genau drei Wochen. Hat ein Präsidentschaftskandidat Deutschlandfarben auf der Wange? Darf er ausgelassen jubeln, wenn die Nationalmannschaft spielt? Wer will das sagen?

Tor für Deutschland in der 60. Minute. Christian Wulff reißt wie einige Hundert Deutschland-Fans hinter und neben ihm die Arme hoch, klatscht. Das Tor kam so überraschend, dass manche Fotografen sich in der Aula der Hochschule nicht rechtzeitig vor dem Kandidaten in Positur bringen konnten. Es ist Wulffs erste Gefühlregung in diesem Spiel.

Nach dem Özil-Tor schleppt der örtliche Landtagsabgeordnete einen Kasten Bier heran. Wulff verteilt die Flaschen. Die Menge dankt. "CHRISTIAN!", brüllt sie wie auf Kommando. Als hätte irgendwer sämtliche Mitglieder der Jungen Union für diesen Abend hierherverfrachtet.

Nach dem Match reißen wieder alle die Arme hoch. Auch Wulff. Er lässt die Hände in der Luft schlacken, als wisse er, dass das jetzt dazugehört.

Ein paar Minuten später geht Wulff. Ein Mann, Anfang 20, stellt sich ihm in den Weg, legt ihm seinen Arm über die Schulter und fragt, ob er sich fotografieren lassen kann. Wulff lässt es geschehen. Der Mann schlingt seinen Arm noch etwas fester um den Hals des Kandidaten, so wie echte Kumpels das tun würden.

Wie hätte Joachim Gauck das hier gemacht? Er hätte sich wohl nicht verweigert. Aber wahrscheinlich wäre er gar nicht angesprochen worden. Und Horst Köhler, der schon fast in Vergessenheit geratene Ex-Bundespräsident? Nein, unmöglich, das hätte es mit ihm nie gegeben.

Wenn nicht der Himmel einstürzt, wird Wulff gewählt werden am kommenden Mittwoch. Wenn er schon kein Präsident wird, der so gut reden kann wie Gauck, so könnte er doch ein Präsident werden, der den Leuten ein Gefühl von Nähe gibt.

Christian Wulff ist der Mann, der Bier verteilt.