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Präsidentschaftswahl:Höchste Eisenbahn

Christian Wulff auf Sommerreise

Er ist dann mal unterwegs

Geschichten im Bus. Christian Wulff hat an diesem Donnerstagmorgen noch nicht recht Lust, mit der Presse zu reden. Sie ist anstrengend, diese Busreise quer durch Niedersachsen. Noch sechs Tage bis zur Wahl des Bundespräsidenten. Wer die ersten beiden Reisetage seit Dienstag mitgemacht hat, berichtet von einem angespannten, nervösen Ministerpräsidenten. Sie erzählen dann, wie Wulff auf eine Geschichte in der Berliner Zeitung reagiert hat, die auf ihrer Titelseite noch mal zusammengefasst hat, wieso und weshalb Wulff erst nach seiner sehr wahrscheinlichen Wahl zum Bundespräsidenten das Amt des Ministerpräsidenten niederlegen will. Und wie die Opposition das nutzt, um ihm eine gewisse Feigheit vorzuwerfen.

Wulff gilt als eher ausgeglichener Charakter. Cholerische Anfälle liegen ihm nicht. Für seine Verhältnisse muss er nach Lektüre der Berliner Zeitung geradezu neben sich gestanden haben. Vor allem in dem Moment, als eine Journalistin ihm im Bus auch noch nach einer Stellungnahme zu der Geschichte fragte. Die Debatte ist ihm unangenehm. Mit solchen Geschichten werde das Amt des Bundespräsidenten beschädigt, heißt es aus Wulffs Umfeld. Schwierig zu sagen, ob das stimmt. Nach der lafontainesken Flucht von Horst Köhler aus Schloss Bellevue müsste der Begriff Amtsbeschädigung erst mal neu definiert werden. Klar ist aber auch, dass der Akt zwar juristisch wasserdicht sein mag - aber letztlich niemand Wulff darin hindern würde, sein Ministerpräsidentenamt noch vor der Wahl niederzulegen.

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Höchste Eisenbahn. Aussteigen am Bahnhof von Stade. Es geht weiter mit dem Moorexpress nach Barchel. Fahrzeit: 45 Minuten. Der Triebwagen T164 wurde 1955 auf die Schiene gesetzt. Zwei Klöckner-Humboldt-Deutz-Dieselmotoren mit je 145 PS treiben das Gefährt ratternd und sprotzend mit 80 Kilometern pro Stunde durch das Teufelsmoor. Dem Moor ist das Teuflische an diesem blaubehimmelten Sommertag beim besten Willen nicht anzusehen. Aber der Schein kann trügen. Im Zug ist es so laut, dass mancher ein Lob gen Himmel schickt für die Fortschritte auf dem Gebiet der Eisenbahntechnik seit 1955. Alle paar Sekunden lässt der Lokführer das Signalhorn dröhnen, dass einem die Klänge der Vuvuzela dagegen wie ein Haydn-Konzert vorkommen.

Ministerpräsident Wulff schaut beim Lokführer vorbei, der ihm ausdauernd die Tücken der musealen Technik erklärt. Dann ergreift der Geschäftsführer des Eisenbahnunternehmens EVB, ein Mann namens Ulrich Koch, das Mikrofon und lässt einen Gruß durch die altersschwachen Lautsprecher scheppern. Koch freut sich selbstredend, den Ministerpräsidenten an Bord zu haben, am Morgen nach diesem "na, grandiosem Spiel der deutschen Nationalmannschaft kann man ja nicht sagen". Dann hat der Redner eine Weisheit parat, die klingt, als wolle er Wulff schon mal vorab trösten, falls die Wahl am kommenden Mittwoch nicht ganz rund läuft. "Nach einem Sieg", sagt der Eisenbahner, "fragt keiner mehr wie es gelaufen ist."

In Bezug auf Wulff, den Noch-Nicht-Bundespräsidenten, könnte er da recht behalten. In Bezug auf die schwarz-gelbe Bundesregierung wohl eher nicht.

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Bundesversammlung

Promis an der Wahlurne