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Linke: Kandidatin Jochimsen:Die Frau, die einst Schröder bejubelte

Wulff gegen Gauck gegen Jochimsen: Die Linke schickt die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Fernsehjournalistin Luc Jochimsen ins Rennen um das Amt des Bundespräsidenten.

Thorsten Denkler, Berlin

Einmal, beim Festakt für das neue Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin, wurde sie an die Polizei überstellt. Sie trug einen Schal mit der Aufschrift. "Nun erst recht. Raus aus dem Krieg." Das mochten die anwesenden Feldjäger nicht und baten, das Textil wegzustecken. Nach ihrer Weigerung überprüfte die Polizei die Personalien der Linken-Bundestagabgeordneten.

Lukrezia Jochimsen

Lukrezia Jochimsen soll als Kandidatin der Linkspartei für das Bundespräsidentenamt antreten.

(Foto: dpa)

Luc Jochimsen war bei dem Vorfall im September 2009 noch 73 Jahre alt. Nun, mit 74, hat sie noch einmal ganz Großes vor: Die ehemalige Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks wird Präsidentschaftskandidatin der Linken.

Wie sueddeutsche.de aus Fraktionskreisen erfuhr, soll die Bundestagsabgeordnete als Gegenkandidatin von Christian Wulff (CDU) und dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck ins Rennen geschickt werden.

Das ist eine späte Karriere für Lukrezia Luise Jochimsen, die Tochter eines Nürnberger Speditionskaufmanns, die in Frankfurt zur Schule ging und später an der Universität Münster bei dem großen Soziologen Helmut Schelsky (Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft) mit einer Arbeit über Zigeuner heute promovierte.

Von 1961 an war sie als freie Autorin aktiv und fand 1975 den Weg in die öffentlich-rechtliche ARD, zunächst als Redakteurin des Politmagazins Panorama (bis 1985). Es folgten unter anderem Korrespondentenjahre in London und schließlich 1994 der Sprung in die Chefredaktionsetage des HR in Frankfurt.

Dort wunderte sich Luc Jochimsen, die aufrechte Linke. "Ich dachte, ich komme in ein verändertes Land, das etwas aus Ost und West angenommen hat. In Frankfurt und Hessen war davon jedoch überhaupt nichts zu spüren." Als störend empfand sie die Ausgrenzung der ostdeutschen PDS - und wollte prompt Politiker der SED-Nachfolgepartei zu Wort kommen lassen.

In der ARD-Chefredakteursrunde war sie isoliert: "Da hieß es: Die PDS sei ein lokales Phänomen, das im Übrigen bald aussterben werde." In den neunziger Jahren war sie noch eher auf SPD-Kurs und freute sich 1998, dass nach 16 Jahren Helmut Kohl der Sozialdemokrat Gerhard Schröder gewählt wurde. Sie selbst habe begeistert für Schröder gestimmt, "daraus mache ich gar keinen Hehl". Der Mann aus Niedersachsen habe "politisches Charisma" gehabt.

2001 erhielt sie den hessischen Verdienstorden, ausgerechnet aus der Hand von Ministerpräsident Roland Koch (CDU); es ist eine Auszeichnung, die auch Persönlichkeiten wie dem legendären Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs und dem strammkonservativen Publizisten Hugo Müller-Vogg zu teil wurde.

Im selben Jahr Nach ihrem Abgang aus dem Funkhaus im Jahr 2001 dachte sie zunächst an ein Leben in Italien. Jochimsen liebt Venedig. Doch dann fragte der PDS-Wahlkampfleiter Dietmar Bartsch an.

Bei der Bundestagswahl 2002 schaffte sie als Spitzenkandidatin für ihre Partei in Hessen nur 1,3 Prozent. Drei Jahre später zog sie über die Landesliste der Linkspartei/PDS in Thüringen in den Bundestag ein, ein Erfolg, der sich 2009 wiederholte.

Luc Jochimsen, die streitbare Publizistin, hat 2004 die Theodor-Herzl-Biographie Dieses Jahr in Jerusalem veröffentlicht. Zuvor hatte sie die Herzl-Dozentur am Institut für Medienwissenschaft und Journalismus der Universität Wien inne.

Ihre jetzige Rolle in der Politik sieht sie ähnlich wie die frühere Panorama-Tätigkeit: "Wir waren und sind gewissermaßen der Stachel im Fleisch."

© sueddeutsche.de/liv/odg

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