Präsidentschaftskandidatin Jill Stein Wo die Grünen noch richtig links sind

Gegen die Wall Street, für Klimaschutz und höhere Löhne: Amerikas Grüne setzen sich klar von den etablierten Parteien ab. Jill Stein, ihre Kandidatin fürs Weiße Haus, schwärmt vom Vorbild Deutschland und will Obamas Demokraten das Fürchten lehren. Beim Parteitag wird deutlich, dass die Öko-Partei noch einen weiten Weg vor sich hat.

Von Matthias Kolb, Baltimore

Ben Manski ist zufrieden. Der Wahlkampfmanager steht in der Ecke des Sitzungssaals eines Hotels in Baltimore und beobachtet, wie die Delegierten seine Chefin feiern. Jill Stein ist mit klarer Mehrheit zur Präsidentschaftskandidatin der Öko-Partei gewählt worden und beschwört ihre Zuhörer, für ein besseres Amerika zu kämpfen. Mit einem "Green New Deal" möchte die Ärztin 25 Millionen Jobs schaffen und nach ihrem Sieg das Weiße Haus in ein Grünes Haus verwandeln.

Die Grünen-Kandidatin Jill Stein mit ihrem Wahlkampfmanager Ben Manski: Stein ist die Präsidentschaftskandidatin der Öko-Partei.

(Foto: AFP)

Der Inhalt der Rede, die Jill Stein in Baltimore hält und deren Kernaussagen ihr Stratege Manski in der Ecke leise mitspricht, passt nicht ganz zum eleganten Outfit der Kandidatin. Die 62-Jährige trägt einen dunkelblauen Hosenanzug samt dunkelrotem Schal und ruft dem jubelnden Publikum in bester Occupy-Manier zu: "Wir sind die 99 Prozent und wir werden uns das Land zurück holen."

Deutlich setzt sich Stein von US-Präsident Barack Obama ab: "In den letzten Jahren haben sich die Establishment-Parteien an der Regierung abgewechselt, aber die Politik hat sich nicht geändert." Sowohl Demokraten als auch Republikaner seien abhängig von Spenden der Industrie (mehr über den Einfluss des Geldes auf die Politik in diesem Süddeutsche.de-Artikel), sagt Stein: "Wir brauchen Abgeordnete, die den Leuten zuhören und nicht den Lobbyisten." Amerika stehe kurz vor dem Abgrund - beim Thema Klimaschutz, wo Obama völlig versagt habe, ebenso wie in der Wirtschaftspolitik. Der Schuldenberg drohe die junge Generation zu erdrücken.

Grüne Rettung für die Mittelklasse

Mit diesem dezidiert linken Programm wollen die Grünen bei jenen Amerikanern punkten, die von der Politik ignoriert werden. "Der Mittelklasse geht es immer schlechter, das spüren vor allem Lehrer, Beamte und Arbeiter. Die Solidarität mit den Armen wächst", berichtet Ben Manski. Trotz seines jungen Alters von gerade mal 37 Jahren ist der Mann mit den roten Haaren seit 22 Jahren politisch aktiv und seit November 2011 organisiert er Steins Wahlkampagne. Erstmals ist es der Öko-Partei gelungen, in mehreren Bundesstaaten Geld aus der staatlichen Wahlkampffinanzierung zu bekommen. So wird es möglich sein, eine Million Dollar im Wahlkampf auszugeben.

Die Greens sprechen viele drängende Probleme der US-Gesellschaft an, doch manche Versprechen überzeugen ebenso wenig wie die Aussagen der von ihnen gescholtenen Establishment-Parteien. Mit ihrem Green New Deal will Stein Amerikas Abhängigkeit vom Öl reduzieren, das Klima schützen sowie 25 Millionen Jobs schaffen und so "Arbeitslosigkeit abschaffen". Das deutsche Programm zur Förderung der Solarindustrie, schwärmt sie, sei ein Vorbild für die Effektivität entsprechender Programme. Stein möchte die US-Soldaten nach Hause holen und das Budget des Pentagons kürzen. Das eingesparte Geld soll in den Green New Deal fließen und auch genützt werden, um Studiengebühren abzuschaffen und eine Krankenversicherung für alle zu finanzieren.

Diese Punkte kommen bei der Basis ebenso gut an wie die Forderungen, Marihuana zu legalisieren und mit einem Moratorium Zwangsräumungen von Familien zu verhindern. "In anderen Parteien geht es den Kandidaten nur um Karriere und Geld. Wer Spenden von Unternehmen nimmt, kann sich nicht mehr für das Allgemeinwohl einsetzen", meint die 29-jährige Ursula Rozum aus New York. "Die Grünen sind die einzige Partei, in der kritisches Denken noch erlaubt ist", sagt der 62 Jahre alte Texaner Rhett Smith, der am 6. November für einen Sitz im Repräsentantenhaus kandidiert.