Linke Blätter höhnen, der Mann sei ein "osmanischer Kandidat", also kein ordentlicher Bürger der Republik - weil er Arabisch so gut spricht wie Türkisch, in Kairo geboren wurde und bis vor kurzem im saudischen Dschidda gelebt hat. Regierungszeitungen dagegen mosern: "Seine Frau trägt kein Kopftuch." Mit der Nominierung von Ekmeleddin İhsanoğlu für die Wahl zum Staatspräsidenten ist der türkischen Opposition ein unerwarteter politischer Coup gelungen, dessen Folgen noch kaum vorauszusehen sind.
Zuletzt hatte fast niemand mehr damit gerechnet, dass sich Linksdemokraten und Rechtsnationalisten auf einen Herausforderer für Recep Tayyip Erdoğan einigen würden. Dass Erdoğan im August bei der ersten Volkswahl eines türkischen Staatsoberhaupts selbst antritt, hat der Premier zwar noch nicht verkündet. Aber die Opposition hat daran offenbar keine Zweifel. Auch das zeigt ihre Kandidatenkür.
Denn ein größerer Gegensatz zum Polterer und Polarisierer Erdoğan ist kaum denkbar. İhsanoğlu, 71, ist ein leise auftretender Diplomat, ein Intellektueller, der auch bei Konservativen Respekt genießt. Fast zehn Jahre lang, bis Ende 2013, war er Generalsekretär der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), als erster Türke in diesem Amt. Die Erdoğan-Partei AKP hatte beträchtliche Lobby-Arbeit betrieben, um den Professor für Wissenschaftsgeschichte auf dem Posten zu installieren, den er länger innehatte als jeder Vorgänger seit 1970.
Internationales Renommee und klare Position für Menschenrechte
İhsanoğlu holte die OIC aus ihrem Dornröschen-Dasein. Dem Bündnis gehören 56 Staaten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung an, vom superreichen Katar bis zum bettelarmen Somalia. Sein Kampf für einen OIC-Sitz im UN-Sicherheitsrat war aussichtslos, aber er sorgte für Aufmerksamkeit. Gleiches galt für İhsanoğlus Begegnungen mit Barack Obama, Hillary Clinton, Prinz Charles oder Papst Franziskus im Vatikan.
In die Charta der OIC ließ er die Begriffe "Gute Regierungsführung" und "Demokratie" hineinschreiben, die dort zuvor fehlten. In Menschenrechten nach westlichem Muster sah er keinen Widerspruch zu islamischen Werten. İhsanoğlu setzte auch die Themen Frauen- und Kinderrechte auf die Agenda der Organisation. Nach Sudan entsandte er als Wahlbeobachterinnen zwei Frauen aus Saudi-Arabien, die in ihrer Heimat nicht wählen dürfen.
İhsanoğlu bringe "internationales Renommee" mit und niemand müsse fürchten, dass ihm als Präsident die "symbolische Macht" nicht ausreiche, kommentierte die liberale Zeitung Milliyet am Dienstag. Erdoğan, das ist bekannt, genügt das Repräsentative nicht. Er wünscht sich ein Präsidialsystem wie in den USA oder in Frankreich für sein Land. Dazu wäre allerdings eine Verfassungsänderung nötig; die kann die AKP nicht alleine durchsetzen. Doch auch ohne Reform dürfte Erdoğan, sollte er Präsident werden, die Verfassung so weit dehnen, dass ihm größere Macht zufällt als Amtsinhaber Abdullah Gül.
Kritik in den eigenen Reihen
Nachdem die Opposition ihre Karten aufgedeckt hat, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis auch die AKP ihren Bewerber benennt. Zumal am 28. Juni der Ramadan beginnt, in dem das politische Leben traditionell in den Hintergrund tritt. Dass İhsanoğlu für die AKP eine Herausforderung ist, lassen Kommentare von Regierungspolitikern erkennen. Der AKP-Abgeordnete Burhan Kuzu sprach vom "Ende der Opposition". AKP- Vizechef Hüseyin Çelik nannte die Nominierung gar "beschämend" für den politischen Gegner.
Die Parteichefs Kemal Kılıcdaroğlu von der säkularen CHP und Devlet Bahçeli von der rechtsnationalen MHP haben ihren Kandidaten-Coup offenbar ohne Rückendeckung der jeweiligen Basis ausgeheckt. Darauf lassen teils empörte Reaktionen vor allem aus der CHP schließen. Hüseyin Aygün, CHP-Abgeordneter aus Tunceli, twitterte, er hätte sich einen Linken gewünscht. Nur Serter, CHP-Politikerin aus Istanbul, erklärte: "Ich bin in tiefer Trauer. Das ist ein Dolchstoß ins Herz der CHP."
Dagegen beharrte MHP-Chef Bahçeli: "Dieser Vorschlag ist zum Wohle unserer Nation." Im Massenblatt Hürriyet schrieb der prominente Kolumnist Ahmet Hakan, die Opposition habe mit İhsanoğlu ihre "bestmögliche Wahl" getroffen. Ein anderer Kommentator derselben Zeitung meinte, İhsanoğlu könne zwar Erdoğans Pläne durcheinander bringen, aber mit dem Kandidaten akzeptiere die CHP, "dass die Türkei ein islamisch-konservatives Land" sei. Ein Milliyet-Autor urteilte, der Mann habe gar "keine Chance". Er sei zu "elitär" und vielen Türken nicht bekannt.
Für die Kurden-Parteien BDP und HDP ist İhsanoğlu wegen der MHP-Unterstützung nicht wählbar, so jedenfalls betonte HDP-Vizechefin Pervin Buldan. Die Kurden wollen bei der Wahl einen eigenen Kandidaten aufstellen und könnten damit in einem Dreikampf zum Zünglein an der Wage werden.
