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Präsident Assad über die Gräuel in Syrien:"Was ist denn passiert?"

In einem Interview mit dem US-Sender ABC News hat Syriens Präsident Baschar al-Assad jegliche Verantwortung für die Toten, für Folter und Vergewaltigungen in seinem Land von sich gewiesen. Die meisten Opfer gebe es unter seinen Anhängern und den Sicherheitskräften, behauptet er - und macht sich dann über die Vereinten Nationen lustig.

Im ersten Interview mit einem US-Fernsehsender seit dem Beginn des Aufruhrs in Syrien hat Präsident Baschar al-Assad jede Verantwortung für den Tod von Demonstranten von sich gewiesen.

"Wer sagt denn, dass die UN eine glaubwürdige Institution sind?" Baschar al-Assad weist in einem Interview des US-Senders ABC News alle Verwantwortung für die Toten in seinem Land von sich.

Einer offensichtlich irritierten Journalistin Barbara Walters von ABC News gegenüber brach Assad mehrmals in Lachen aus, als es darum ging, zu erklären, was in Syrien derzeit passiert.

Dabei hielt sich die 82-jährige Journalistin mit Vorwürfen nicht zurück. Doch schon auf ihre Frage, warum die Proteste der Opposition so brutal niedergeschlagen würden, fragte Assad zurück: "Was ist denn passiert?", um sich dann von den Sicherheitskräften zu distanzieren.

Diese unterstünden der Regierung, nicht ihm, erklärte er."Ich bin Präsident. Mir gehört das Land nicht. Also sind es nicht meine Sicherheitskräfte. "Und überhaupt habe es "keine Befehle zu töten oder brutal vorzugehen", gegeben, erklärte Assad.

Auf den Hinweis der Journalistin, sie hätte Bilder gesehen, wie selbst Kinder festgenommen wurden, antwortete Assad dem Sender zufolge: "Um ehrlich zu sein, Barbara, ich glaube Ihnen nicht." Die Anwendung von Gewalt gegen Demonstranten führte er auf Fehler einiger Verantwortlicher zurück.

Die Versuche Walters', den Präsidenten mit einer Reihe drastischer Beispiele von Menschenrechtsverletzungen aus der Reserve zu locken, ignorierte Assad weitgehend. Lediglich auf den Fall eines Dreizehnjährigen, der im April verhaftet worden war, und dessen Familie die mit Folterspuren gezeichnete Leiche zurückerhalten hatte, ging er ein. "Ich habe mich mit dem Vater des Jungen getroffen", erklärte Assad. "Und der sagte, sein Sohn sei nicht gefoltert worden."

Amüsant fand Assad die Vorstellung, er könnte sich vielleicht schuldig fühlen. Er hätte doch sein Bestes getan, um die Menschen zu schützen. "Wie kann man sich schuldig fühlen, wenn man sein Bestes tut?" Der Verlust von Menschenleben sei traurig, aber man fühle sich nicht schuldig, wenn man niemanden töte.

"Wir töten nicht unsere eigenen Leute", betonte Assad. "Keine Regierung der Welt tötet seine eigenen Leute - außer wenn sie von einem Verrückten angeführt wird." Er habe schließlich die Unterstützung der Bevölkerung. Ohne diese könnte man ein schwieriges Land wie Syrien gar nicht regieren.

Einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen zufolge sind in Syrien seit dem Beginn der Unruhen 4000 Menschen getötet worden - überwiegend Oppositionelle. Dem widersprach der syrische Präsident in dem Interview. Vielmehr seien vor allem seine Anhänger und Soldaten Opfer der Auseinandersetzungen geworden. Auf die Foltervorwürfe der UN angesprochen, fragte Assad die Journalistin: "Wer sagt denn, dass die UN eine glaubwürdige Institution sind?" Syrien habe seinen UN-Botschafter nur ernannt, weil "das ein Spiel ist, das man spielt. Das heißt nicht, dass man daran glaubt", erklärte er lachend.

In der Stadt Homs sind angeblich wieder Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Das berichtet das Syrian Observatory for Human Rights in London. Die Stadt ist eines der Zentren der Protestbewegung gegen Assad. Am Montagabend seien 34 Leichen auf die Straßen geworfen worden. Auch ein Aktivist am Ort berichtete, im Laufe des Montags seien mehrere Menschen entführt und getötet worden.

Unterdessen wächst der internationale Druck auf die syrische Regierung. Die Europäische Union hat ihre Strafmaßnahmen verschärft. Am Wochenende einigte sich die Arabische Liga auf Sanktionen, darunter ein Reiseverbot für wichtige Regierungsangehörige. Und US-Außenministerin Hillary Clinton hat sich in Genf mit Vertretern der syrischen Opposition getroffen, um über die Zeit nach dem angestrebten Sturz von Assad zu sprechen.

"Ein demokratischer Wandel bedeutet mehr als den Sturz des Assad-Regimes", sagte Clinton vor dem zweistündigen Treffen mit sieben Vertretern des oppositionellen Syrischen Nationalrates, der im Oktober gegründet wurde. In einem Syrien nach Assad müssten die Rechte von Minderheiten und Frauen geschützt werden, fügte Clinton hinzu.

© sueddeutsche.de/AFP/mcs/infu/gba
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